Wieso ich lieber nicht an Kreativität glaube

Die Menschen meinen es gut, wenn sie so was sagen wie „Ich finde es ja soooo toll, dass du soooo kreativ bist.“ oder: „Soooo kreativ wie du wäre ich auch gerne.“. Höre ich solche Äußerungen, zucke ich immer innerlich zusammen. Sie belegen, dass Kreativität häufig als etwas Angeborenes gesehen wird. Aus diesen und ähnlichen Sätzen spricht die fatale Überzeugung, Kreativität sei die Fähigkeit, aus dem Nichts Ideen, Fertigkeiten und Fähigkeiten zu entwickeln.

Schlimmstenfalls führt diese Einstellung dazu, dass jemand, der das Bedürfnis verspürt, einen Roman zu schreiben, ein Bild zu malen, Musik zu komponieren – oder was auch immer zu tun, das allgemeine als „kreativ“ angesehen wird -, sein Projekt nie in die Tat umsetzt, denn schließlich glaubt derjenige ja, „nicht kreativ genug“ zu sein.

Ich höre also bei solchen Komplimenten wenigstens im Subtext: „Ich würde ja auch so gerne so was machen, aber ich bin einfach nicht so kreativ wie du.“

Das ist der Grund, wieso ich an das im Alltag verbreitete Konzept von Kreativität nicht glaube, denn letztlich ist Kreativität wie Fahrradfahren: Übungssache. Der Glaube, nicht kreativ genug zu sein, ist nichts weiter als der Sieg des inneren Kritikers.

Der Glaube, Kreativität sei etwas, das man entweder hat oder nicht, macht mich nicht nur traurig, ich halte ihn auch für gefährlich. Nicht so gefährlich wie das Verschlucken von Rasierklingen, aber doch so gefährlich, wie es halt sein kann, wenn man einen lang gehegten Wunschtraum nicht in die Tat umsetzt.

Eigentlich möchte nahezu jeder gerne kreativ sein. Ich kenne kein Kind, das nicht gerne spielt oder bastelt oder sich Geschichten ausdenkt oder malt oder tanzt oder was-weiß-ich. Irgendwann in der Pubertät kommt nur bei vielen der Punkt, an dem das alles „uncool“ wird (einer der Gründe, aus denen ich Coolness verabscheue). Von diesem Punkt erholen sich im späteren Erwachsenenleben nur wenige.

Ich habe in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen die Erfahrung gemacht, dass, wenn die Coolness aufgebrochen werden kann, die meisten schnell Spaß an ihrer Kreativität entwickeln und das sehr viel Leidenschaft und Engagement freisetzen kann und noch viele, viele andere positive Effekte hat.

Ein weiterer, noch schlimmerer Grund für mangelnde Kreativität, ist meiner Erfahrung nach Angst – die Angst davor „zu versagen“, „den Ansprüchen nicht zu genügen“ oder wie auch immer man das nennen will. Dank der perfekten Bilder- und Klangwelt, in der wir uns tagtäglich bewegen, in der alles mit Photoshop und anderen digitalen Bereinigungsmöglichkeiten überirdisch schön erscheint, wirkt die eigene Produktion stets amateurhaft. Fatal für Menschen, die unter Perfektionismus leiden.

Im geissen Sinne stimmt das auch. Wie sollte jemand, der einen normalen Acht-(oder-mehr-)Stunden-Arbeitstag hat, aus dem Stand in der einen Stunde, die ihm am Feierabend bleibt, einen Text, ein Bild oder ein Stück Musik produzieren, das so gut ist, wie das Produkt von Profis, das in unzähligen Arbeitsstunden und mit unerreichbaren technischen Möglichkeiten glattgeschliffen wurde?

Als Kind hat uns das kein Stück gestört. Irgendwann setzt jedoch die Schere im Kopf ein, die uns als nicht gut genug erscheinen lässt. Unserer innerer Kritiker reift über die Jahre heran, wenn wir nicht aufpassen.

Der einzige Unterschied zwischen „kreativen Menschen“ und jenen, die nicht kreativ arbeiten, ist der, dass sich die Kreativen bewusst dazu entschieden haben, kreativ tätig zu sein. Vielleicht haben sie noch, so wie ich, das große Glück eine Unterstützung im Elternhaus, in der Familie oder durch den Freundeskreis zu erfahren. Trotz unterschiedliche Ausgangsmöglichkeiten bleibt dies aber eine bewusste Entscheidung. Unterstützung kann sich auch jeder suchen, wenn er sie nicht von Hause aus bekommt.

Kreativität, wenn sie zu einem vorzeigbaren Produkt führen soll, ist nichts Angeborenes. Sie ist harte Arbeit. Das Problem ist, dass viel zu häufig nur das Produkt der Kreativität, also ein schicker Text, ein schönes Bild usw., gesehen wird, aber viel zu selten der lange und mühsame Prozess der Entstehung. Falls doch, dann sieht man begnadete Künstler, die beneidenswert etwas aus dem Ärmel schütteln. Was uns jedoch gerne verschwiegen wird, sind die einsamen Jahre, die dieser Künstler für den einen Handstreich im stillen Kämmerlein dafür üben musste.

Letztlich gibt es auch für die Kreativität Techniken, wie zum Beispiel das Clustering, um sie zu erlernen, zu üben und weiter zu entwickeln. Alles, was also zum „Kreativsein“ gehört, sind die richtigen Informationen, Wille und Durchhaltevermögen.

Hier ein paar praktische Tipps, um sofort damit loszulegen, den fatalen Glauben an Kreativität abzuschütteln und dadurch kreativer zu werden und seine Schreibblockade (oder auch Mal-, Musizier- oder Tanzblockade usw.) zu überwinden:

  • Such dir ein einsames Plätzchen, schnappe dir Werkzeug, das dir gefällt (Stift, Papier, Musikinstrument, Ballettschuhe – was auch immer) und warte ab, was geschieht. Sei nicht enttäuscht, wenn nichts geschieht und bleibe am Ball!
  • Fange mit kleinen Dingen an und gib dich am Anfang mit wenig zufrieden!
  • Vergiss Perfektionismus und ignoriere alle Miesmacher, vor allem deinen inneren Kritiker. Der ist der schlimmste Miesmacher.
  • Hole dir von den richtigen Leuten Feedback, die dich weder niedermachen wollen, noch dich über den grünen Klee loben.
  • Halte durch!
  • Probiere was Neues, habe aber auch keine Hemmungen, zum Alten zurückzukehren, wenn dir das Neue nicht gefällt!
  • Mach mal ’ne Pause! Stress und Produktivität passen nicht zusammen.
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23 Gedanken zu “Wieso ich lieber nicht an Kreativität glaube

  1. Es gibt unterschiedliche Ausgangspositionen: Manche Menschen nutzen mehr ihre rechte Hirnhälfte, als andere, deren Präferenzen auf der linken Seite liegen. Doch das bedeutet nicht, dass etwas in Stein gemeisselt ist. Kreativität lässt sich, wie auch logisches und planerisches Denken, lernen. Ich stimme dir zu – ich denke, der Unterschied zwischen einem „Kreativen“ und einem „Nicht-Kreativen“ ist nicht die Veranlagung, das Talent, der göttliche Segen, sondern die Entscheidung in diese Richtung zu arbeiten. Bei einigen liegt diese Entscheidung näher, weil sie ohnehin nichts anderes tun – aber grundsätzlich kann jeder kreativ sein, z.B. schreiben. Gabriele L. Ricos Buch über das Clustern ist da ein perfekter Einstieg, wie ich finde.

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  2. Ich stimme Ihnen zu. Aber es gibt halt Leute, die im Schreiben, Malen, etc. talentierter sind als andere. Ist in jedem anderen Beruf oder Tätigkeitsbereich ja auch so. Jeder kann mit Übung zu schreiben beginnen, aber nicht jeder wird auch Erfolg ernten können.

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    • Ja, das mit dem Talent ist auch so eine Sache. Ein guter Hinweis, vielen Dank dafür. Steht schon auf meiner Liste für einer der nächsten Artikel. Ich denke, die Frage, ob jeder erfolgreich schreiben kann, hängt mit der Definition von Erfolg zusammen.

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    • Hm,
      ist das so? Gibt es Leute, die
      a) talentierter sind – was soll das heißen? Ich kann mir darunter nur schwer etwas vorstellen
      oder
      b) geübter sind – da gebe ich dir Recht. Klar, Übung macht den Meister.
      Mit dem Erfolg ist es dann m. M. nach noch einmal eine ganz andere Geschichte.

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  3. Mein absoluter Lieblingsartikel. Kreativität? Was soll das sein? Ich könnte es nicht sagen. Ein kurzer Blick auf „Prof. Wikipedia“: Dem entsprechenden Artikel „fehlt es an Belegen“, die „Neutralität“ ist umstritten. Er „bedarf einer Überarbeitung“. Scheint also ein schwieriges Thema zu sein.
    Der Begriff soll wohl vom lat. „erfinden“, „erzeugen“ abgeleitet sein – meinen Erfahrungen nach, ist der „Erfindungsprozess“ das einfachste am Schreiben. Was es wirklich braucht ist Selbstdisziplin, Beharrlichkeit, Organisationsvermögen – und vor allen Dingen die Bereitschaft, immer wieder etwas Neues zu lernen und sich ständig zu verbessern. Für mich ist Schreiben Handwerk und jedes Handwerk wird durch Übung besser – was mich dazu bringt, dass ich mich nicht auf irgendwelchen Blogs herumtreiben, sondern schreiben sollte 😉 Danke für den Artikel, Marcus.

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  4. @axelhollmann
    Es gibt halt Leute, die nicht sehr viel Übung haben, aber trotzdem werden ihre ersten Werke viel besser und professioneller als Werke mancher Autoren, die schon sehr lange schreiben. Diese Leute nenne ich talentiert. Natürlich ist dieses Talent nicht angeboren, aber die unterschiedlichen Lebensumstände von Kindheit an wirken auf unsere Fähigkeiten. Der eine wird gut in X, der andere in Y. Manches ist im Erwachsenenalter schwer nachzuholen, und die Fähigkeit gut zu schreiben, gehört dazu.

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    • @Azadeh Sepehri
      Ich stimme teilweise zu. Es gibt unterschiedliche Voraussetzungen. Soweit so gut. Die Zustimmung endet aber dort, wo die Einstellung „Ich kann das halt nicht, weil …“ zu greifen beginnt.
      Viele der Autoren, die ich kenne und sehr gerne lese haben wohl schon in und vor ihrer Pubertät angefangen mit Geschichten schreiben. Aber wie Marcus schon geschrieben hat: Welches Kind denkt sich bitteschön keine Geschichten aus? Das muss man ihnen nicht _beibringen_, man muss sich viel mehr davor hüten, es ihnen ab zu erziehen.
      Im Übrigen kann ich aus erster Hand bestätigen, dass „gutes“ Schreiben (was ist „gutes“ Schreiben?) lernbar ist.
      Ich gehöre nicht zu denen, die schon mit 12 ihre ersten Geschichten an ihre Klassenkameraden verkauft oder zumindest verteilt haben. Trotzdem bin ich heute in der Lage – das kann ich ohne falsche Bescheidenheit sagen – Texte zu verfassen, die nicht nur denen, die mich kennen und sowieso mögen gefallen. Ob’s für einen erfolgreichen Roman reicht wird die Zukunft zeigen. 🙂

      @Marcus: Ja, die Diskussion ist interessant 😉

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  5. Der Artikel ist zwar schon einige Monate alt, aber da ich jetzt erst darüber falle und das Thema liebe, lasse ich mich dennoch dazu aus.

    Ich dachte erst wir seien konträrer Ansicht, Marcus, weil ich behaupten würde, dass es keinerlei Menschen gibt, die nicht kreativ sind. Während ich deinen Artikel jedoch las, bemerkte ich, dass wir keinesfalls gegenteilige Standpunkte haben.

    Für mich hat Kreativität viel mit Selbstausdruck und dem Lebensprinzip an sich zu tun. Somit wären die einzigen Menschen die völlig unkreativ sind Leichen.
    Was es jedoch haufenweise gibt, sind Menschen, die zu blockiert sind, um sich frei auszudrücken.
    In dem Bereich bin ich sozusagen Expertin (im negativen Sinne), weil mir von klein auf immer eingeredet wurde ich besäße keinerlei künstlerisches Talent und dieses in meiner Ursprungsfamilie auch nicht als erstrebenswerte Eigenschaft angesehen wurde. Das Gegenteil war der Fall.
    Dass ich irgendwann dennoch anfing zu schreiben, geschah eher unbeabsichtigt und unreflektiert. Meine ersten Ergüsse waren Kriegserklärungen, Schlachtenbeschreibungen etc. in einem Browsergame, die ich im RPG-Style verfasste, ohne weiter darüber nachzudenken. Ich benötigte einige Zeit, bis ich mich traute „richtig“ zu schreiben und glaubte dann aber immer noch meine Kreativität beziehe sich ausschließlich auf ein gewisses sprachliches Talent.
    Das ist wahr und falsch zugleich. Meine Kreativität drückt sich mit größerer Leichtigkeit sprachlich aus, weil ich schon immer Bücher geliebt habe und dadurch unbewusst gewisse „Schreibmuskeln“ trainierte. Mittlerweile entwickele ich jedoch auch in anderen Bereichen, in denen ich dies nie vermutet hätte, Kreativität. Kreativität ist so eine Art Fluss, der in den meisten von uns einfach sehr gestaut ist. Wenn so ein Staudamm aber einmal einen Riss bekommt, dann wird das Wasser irgendwann seinen Weg finden und vielleicht Felder bewässern von denen man nie geglaubt hätte sie könnten fruchtbar sein.
    Das bedeutet nicht, dass man deshalb gut in dem ist, was man macht. Um gut zu sein, benötigt man Talent plus viel Übung.
    Was gut ist, ist jedoch ebenso eine Geschmacksfrage. Ich habe in der Schule einmal die gleiche Gedichtsinterpretation bei zwei verschiedenen Lehrern geschrieben. Der eine gab mir eine 1 minus und der andere eine 4 minus und behauptete das sei noch gnädig gewesen. Dabei hatte ich beim Zweiten das verbessert was dem Ersten zur glatten 1 gefehlt hatte. Soviel dazu. Beispiele dieser Art kennt jeder.
    Es geht bei Kreativität jedoch gar nicht um ein Gütesiegel. Ich singe grauenhaft und so sehr ich Musik und die menschliche Stimme liebe, wird sich dies nie zeit meines Lebens nie ändern. Zum Schreiben habe ich ein wenig Talent und genug Durchhaltewillen und Liebe zur Sache um mich mittels Übung zu verbessern. Beim Singen sind mir da deutliche Grenzen gesetzt, trotz aller Liebe und egal wie viel ich singe, werde ich immer eine Lärmbelästigung für meine Umgebung sein, weshalb ich singe, wenn ich allein bin. Darauf verzichten mag ich dennoch nicht mehr. Kreativität, Selbstausdruck bereitet Freude, so einfach ist das. Und ich würde auch dann schreiben, wenn es keiner lesen will, einfach weil ich es liebe. Und deshalb stimme ich mit dir überein Marcus. Es wäre schrecklich ,wenn die Menschen Kreativität für unerreichbar hielten, für einen fernen Gott. Es ist das Grundrecht eines Menschen an diesem Fluss der Kreativität teilzuhaben.
    Kreativität = Fluss. Talent = Samen. Same ohne Wasser wächst nicht, Wasser ohne Samen bringt keine Feldfrüchte hervor. Macht aber nichts, dann schwimmt man halt im Wasser und freut sich einfach so.

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    • Liebe Anja, vielen Dank für diesen wundervollen Kommentar. Er hat mich beeindruckt, vor allem, weil er sehr persönlich ist. Ich freue mich sehr darüber, dass du ältere Artikel ausgräbst. Was du in diesem Kommentar sagst, bewegt mich sehr. Deswegen will ich dir genauso persönlich und ausführlich antworten.

      In vielen Dingen stimmen wir überein. In einer Sache muss ich dir jedoch widersprechen.

      Ich glaube wirklich nicht an „Talent“. Ich halte den Begriff für sehr gefährlich und möchte auch gerne begründen, wieso:

      Ich habe als Kind mit der Schreibmaschine meines Vaters gespielt, bevor ich überhaupt schreiben konnte. Ich habe begeistert die Comics meiner großen Brüder durchgeblättert, bevor ich lesen konnte. Es dürfte also kein Zufall sein, dass ich mit dem Tippen von Geschichten begonnen habe, bevor ich wusste, aus welchem Ende des Füllers die Tinte kommt. Habe ich nun „Talent“ fürs schreiben oder wurde ich einfach nur frühzeitig geprägt? Ich halte Letzteres für wahrscheinlicher.

      Weil du vom Singen sprichst: Eine ganze Weile lang habe ich auch Musik gemacht. In der Schule hatte ich in Musik immer gute und sehr gute Noten. Ich habe Singen und Musizieren jedoch vor vielen Jahren aufgegeben, weil ich geglaubt habe, nicht genug „Talent“ zu besitzen, um in diesen Bereichen auch akzeptable Leistungen zu erzielen.

      Irgendwann ergab es sich, dass ich auf „echte“ Musiker traf, die in den Augen der meisten Menschen total „talentiert“ waren. Ich erfuhr, dass sie Musik mehr oder weniger atmen. Sie dudeln vor sich hin, wo sie gehen und stehen, haben ständig Musik und Rhythmen im Kopf und üben sieben Tage die Woche. Wobei sie das nicht als Üben empfinden, sondern einfach gar nicht anders können. All das habe ich in dieser Intensität nie getan und will es auch nie tun, weil mir Musik dann halt eben doch nicht so wichtig ist. Ab und zu mal auf der Gitarre vor mich hinklimpern gefällt mir. Tagtäglich an meinen Fähigkeiten arbeiten – dazu fehlt mir in diesem Bereich der Ehrgeiz.

      Fehlt mir das „Talent“? Nun, bestimmt könnte ich kein Konzertpianist mehr werden, der in der Philharmonie auftritt. Aber wenn ich die gleiche Zeit und Energie, die ich ins Schreiben stecke, mit Musik verbringen würde, könnte ich mit Sicherheit noch ein ganz passabler Gitarrist und Sänger werden und beispielsweise als Liedermacher auftreten. Ich weiß ziemlich genau, wie’s geht und was dazu nötig ist. Nur will ich es eben nicht, denn ich habe mich fürs Schreiben entschieden. Man kann nicht Diener zweier Herren sein.

      Du meinst, du kannst nicht singen? Ich behaupte das Gegenteil. Wie gesagt, mit Musik kenne ich mich ein bisschen aus. Ich habe auch eine Weile lang Gesangsunterricht genossen und war beeindruckt, wie viel sich noch aus meiner Stimme herausholen lässt, wenn ich die richtigen Techniken anwende und vor allem übe, übe, übe.

      Ich bin der felsenfesten Überzeugung, nein, ich weiß es ganz genau: Mit dem Willen, der Bereitschaft zum Üben, einem ordentlichen Musikunterricht und einem guten Gesanglehrer, der mit dir Theorie und Praxis paukt, kannst auch du so singen lernen, dass andere Menschen dir gerne zuhören. Wahrscheinlich würdest du es nicht unter die zehn besten Sänger der Welt schaffen, das ist richtig. Aber Singen ist nun wirklich keine besonders schwierige Sache, wenn man weiß, wie es geht, die Grundlagen paukt und die Bereitschaft hat, hart an sich zu arbeiten und den Frust überwinden kann, dass man wochenlang scheinbar nichts zu Stande bekommt, bis dann irgendwann der Durchbruch erfolgt.

      Für mich der Begriff „Talent“ ein Reizwort, denn ich habe den Eindruck gewonnen, dass er für Faule eine Ausrede ist, sich auf einem Gebiet nicht anzustrengen (sei es nun als Lehrer oder als Schüler). Er richtet mehr Schaden an, als dass er irgend etwas nutzt. Ist doch eine bequeme Ausrede. „Ach, hab ich kein Talent zu, also lass ich’s sein.“ „Dafür hast du kein Talent, ich muss dich nicht unterrichten.“

      Ich bin mir absolut sicher, dass das für alle anderen Bereiche und Tätigkeiten gilt. Ja, als jemand, der eine Gehbehinderung hat, werde ich nicht bei den Olympischen Spielen den 100-Meter-Sprint gewinnen (wobei es nicht ohne Grunde die Paralympics gibt). Als Blinder werde ich kein berühmter Maler werden (obwohl ich auch das im gewissen Rahmen für möglich halte). Ja, gewisse physische Voraussetzungen sind in manchen Bereichen des Lebens von Vorteil, aber keine unabdingbare Voraussetzung. Auf jeden Fall haben sie nichts mit „Talent“ zu tun. Was auch immer das so genau sein mag.

      „Kreativität“ ist für mich eine ähnliche Worthülse, die mich auf die Palme bringt. Für mich sind „Talent“ und „Kreativität“ im Prinzip Synonyme, die keinerlei praktischen nutzen haben, außer dass sie verhindern, dass Menschen ihren Interessen folgen. Wie oft höre ich: „Ich würde ja auch so gerne …, aber mir fehlt das Taltent und ich bin nicht kreativ genug.“ Das macht mich dann immer furchtbar traurig. Wenn sich jemand für etwas nicht so sehr interessiert, dass er viel Energie und Zeit hineinstecken will, um etwas auf diesem Gebiet zu erreichen, wie es bei mir bei der Musik der Fall ist, gut und schön. Das ist eine bewusste Entscheidung. Aber einem gehegten Wunsch nicht zu folgen, weil man eingeredet bekommt kein „Talent“ oder keine „Kreativität“ zu besitzen, das halte ich für eine Schweinerei.

      Der von mir sehr geschätzte Howard Tayler (bekannt von dem von mir noch mehr geschätzten Podcast Writing Excuses), hat zu diesem Thema einen Vortrag gehalten, der beweist, dass es sogar ziemlich gefährlich sein kann, jemandem „Talent“ zu attestieren:

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  6. Hallo, Anja,

    vielen Dank, dass du so aus deinem „Nähkästchen“ geplaudert hast. Marcus und ich sind uns ja in vielen Dingen uneinig (so hat er echt keine Ahnung von guten Filmen. Besonders bei TV-Serien greift er voll ins Klo und es hat eine Ewigkeit gebraucht, bis ihm Buffy gefallen hat 😉 ) mit einer Sache hat er aber meiner Ansicht nach Recht: Talent gibt es nicht. Ich glaube nicht daran – und um genau zu sein, ich will auch nicht daran glauben. Marcus hat Recht: Lass dir nicht einreden, du hättest z. B. kein Talent für Musik. Ganz sicher: Wenn du viel üben würdest, würdest du auch im Musizieren gut werden – aber wozu? Schreiben ist doch viel cooler 😉

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  7. Lieber Axel und lieber Marcus, euch zu lesen und zu hören, ist für mich einfach immer wieder ein Genuss. Ihr regt mich in den Bereichen an, die mir am Herzen liegen, weshalb ich auch so offen reagiere. Diese Offenheit hat mir heute zwei echte Geschenke beschert. Ja, ich werde weiter trällern, und wenn ich irgendwann einmal die Gelegenheit habe nach dieser Ermutigung auch einmal Gesangsunterricht nehmen, damit ich die Töne wenigstens halbwegs treffe 😉
    Und das mit der Prägung ist ebenfalls wahr. Ich hatte ein ähnliches Kindheitserlebnis wie Marcus. Ich durfte immer an der Rechenmaschine meiner Tante spielen, die Prokuristin war. Aber ich wollte immer an die Schreibmaschine, weil die interessantere Zeichen ausspuckte.
    Das war insofern wegweisend, als ich angeblich eine recht gute Buchhalterin bin, aber das was ich wirklich will ist weiterhin die Schreibmaschine 😉

    Ich bin froh, dass ihr diese Prägung ebenfalls habt und damit Menschen begeistert und ermutigt.

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  8. Kreativität hat nichts mit Kunst zu tun. Selbst ein Feuerwehrmann, ein Mathematiker, ein Politiker, ein Konditor, ein Klempner, ein Arzt oder ein Wissenschaftler können in ihren Bereichen höchst kreativ sein.

    Vielleicht ist es nicht unbedingt eine Frage des Talents, sondern eine Frage der Beschäftigung, der Intensivität der Beschäftigung, eine Frage des Interesses und der Offenheit dazu. Beim Literaturbereich gehört eben zwingend dazu, dass man viel gelesen hat, vielleicht nicht nur in seinem Lieblingsgenre.
    Wer als Autor eines Zwergen-Romans im Tolkienmuster verharrt, keine neue Sprache schöpft, ist doch nicht mehr kreativ, obwohl der Text vielleicht ganz okay ist.

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  9. Einer der besten Artikel deines Blogs. Gerade in puncto Coolness vs. Kreativität muss ich dir voll und ganz zustimmen.
    Neben Familie, Schriftstellerei und Studium arbeite ich in der Suchtprävention. Das ist ein primärpräventiver Ansatz für Schulklassen hier in Berlin und zielt auf Aufklärung über die Gefahren des Drogenkonsums ab. Ich habe aber auch in die sekundärpräventiven Projekte des Trägervereins hineinschnuppern dürfen und die echte Arbeit mit drogenabhängigen Kindern und Jugendlichen aus der Nähe sehen können.

    Eines der wenigen Mittel, wenn nicht sogar das einzige probate Mittel, um einem Jugendlichen dauerhaft aus dem Drogenkonsum herauszuhelfen, ist das Durchbrechen seiner Coolness und seine Rückkehr in (meist körperliche) kreative Arbeit. Denn nur so kann er erfahren, was für schöpferische (welche Wortnähe zur Kreativität) Potenziale in ihm ruhen. Coolness ist allzu oft der Grund dafür, dass wir lieber konsumieren (und nicht nur Drogen) anstatt zu produzieren.

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    • Zunächst einmal: Alle Achtung vor deinem Engagement. Du machst da eine wichtige und interessante Arbeit, Jens. Es freut mich sehr, dass sich solche engagierten Leute unter den Lesern meines Blogs befinden.

      Dass dir der Artikel so gut gefällt, liegt wohl daran, dass wir da aus einer ähnlichen Ecke kommen. Dieser verfluchte innere Kritiker, der sich nur allzu oft hinter einer coolen Fassade versteckt, macht die Arbeit sehr, sehr schwierig. Und die Betroffenen machen sich in meinen Augen sehr, sehr unglücklich, auch wenn sie das meistens selbst (noch) gar nicht so wahrnehmen.

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