Wie man einen Roman in drei Tagen schreibt

Die Methode, einen Roman in drei Tagen zu schreiben, stammt vom Sword-and-Sorcery-Fantasy-Autor Michael Moorcock, der in den 1960er- und 1970er-Jahren sein Geld damit verdiente 60.000-Wörter-Romane am Fließband zu schreiben und dessen Techniken wiederum auf der Masterplot-Formel von Lester Dent für Pulp Fiction beruht.

Du solltest also nach drei Tagen keinen hochliterarischen, fertigen Roman erwarten. Das Produkt dieses Schaffensprozesses ist der erste Entwurf für eine flotte, actionreiche Liebes-, SF-, Horror-, Krimi-, Abenteuer- oder Fantasy-Geschichte, also vor allem für Genreliteratur. Was du an dem Wochenende geschrieben hast, muss mit großer Wahrscheinlichkeit noch intensiv überarbeitet werden.

Du solltest dich auch nicht entmutigen lassen, wenn’s etwas länger als drei Tage dauert. Mit diesen Strukturen kann es dir aber durchaus gelingen, zügig dein Schreibprojekt durchzuziehen und vor allem zu beenden, mit anderen Worten: Schreibblockaden überwinden. Die Methode bietet sich also durchaus an, um Schreibevents wie beispielsweise den NaNoWriMo zu bestehen.

1. Vorbereitungen

Einen Roman in drei Tagen zu schreiben bedeutet nicht, dass der gesamte Schaffensprozess an einem Wochenende erledigt werden kann. Eine gute Vorbereitung, die ein paar Tage zusätzlich in Anspruch nimmt, ist notwendig, damit du in den verzweifelten Momenten, etwas hast, das dich auffängt:

  • eine Liste aller Dinge, die im Roman vorkommen,
  • ein großes Ereignis für jede vierte Seite,
  • eine komplette Struktur, an der du erkennen kannst, was alles gebraucht wird, damit deutlich wird, welche narrativen Probleme im Laufe der Arbeit gelöst werden müssen (s. 3. Struktur weiter unten),
  • eine Liste aller Lösungen dieser narrativen Probleme,
  • eine Lister der wichtigen Figuren, die du alle im ersten Teil dem Leser zeigst und im zweiten und dritten entwickelst, um sie dann im letzten Teil zu erklären.

2. Figuren

Im Prinzip gibt es zwei wichtige Figuren deiner Pulp-Geschichte: den Helden und den Schurken. Alles andere sind Neben- und Randfiguren. Überlege, ob dein Held einen Sidekick haben sollte. Der Sidekick, ein Begleiter oder eine Begleiterin, kann all dies tun, was dein Held nicht tun darf: zweifeln, Angst haben, unentschlossen sein usw.

Du musst die Hauptfiguren deiner Geschichte mit Kennzeichen charakterisieren. Ein Kennzeichen ist etwas, das eine Figur unverwechselbar macht.

Es ist gut, wenn Kennzeichen auch eine Rolle innerhalb der Geschichte spielen. Vielleicht reibt sich der Bösewicht häufig die Augen, wenn er allein ist oder sich unbeobachtet fühlt. Am Ende der Geschichte enthüllst du, dass die Farbe seiner Augen durch Kontaktlinsen verändert worden ist, die seine Hornhaut reizen.

Die Namen für deine Romanfiguren musst du systematisch wählen. Zwei Figuren dürfen keine Namen haben, die sich ähneln. Besonders lange und auch besonders kurze Namen sollten lieber gemieden werden.

3. Struktur

Teile deine Geschichte in vier Teile.

Teil 1:

  • Stelle deinen Helden so früh wie möglich vor und lass ihn sofort in Schwierigkeiten geraten. Gib einen Hinweis auf ein Rätsel, ein Unheil oder ein Problem, das gelöst, abgewendet oder bewältigt werden muss.
  • Der Held versucht das Geheimnis zu ergründen, das Unheil zu überkommen oder das Problem zu lösen.
  • Führe alle anderen Figuren so früh und mit so viel Action wie möglich ein.
  • Die Bemühungen des Helden bringen ihn gegen Ende des ersten Teils in einen phyischen Konflikt.
  • Nahe am Ende des ersten Teils gibt es einen vollkommen überraschende Wendung im Plot.

Frage dich:

  • Geschieht alles logisch?

Teil 2:

  • Bereite dem Helden noch mehr Kummer.
  • Der Held verhält sich heldenhaft, rackert sich ab und seine Bemühungen enden in:
  • einem weiteren physischen Konflikt und
  • einer überraschende Wendung im Plot am Ende dieses Teils.

Frage dich:

  • Wächst die Bedrohung?
  • Sitzt sie dem Helden die ganze Zeit im Nacken?
  • Ist der zweite Teil logisch?

Teil 3:

  • Überhäufe den Helden mit Kummer.
  • Der Held macht Fortschritte und drängt den Bösewicht oder jemand anders in die Ecke und dadurch kommt es zu
  • einem physischen Konflikt und
  • einer überraschenden Wendung im Plot, in der dem Helden vorzugsweise richtig übel mitgespielt wird am Ende dieses Teils.

Frage dich:

  • Wird die Bedrohung richtig düster?
  • Findet sich der Held in einem Dilemma wieder?
  • Passiert alles immer noch auf logische Weise?

Teil 4:

  • Schaufle deinen Helden noch schneller mit Schwierigkeiten zu.
  • Begrabe den Helden beinahe unter seinen Problemen.
  • Der Held zieht sich selbst aus dem Schlamassel, indem er seine herausragenden Fähigkeiten benutzt.
  • Die verbliebenen Geheimnisse werden während des finalen Konflikts gelüftet.
  • Die letzte überraschende Wendung, eine wirklich große Überraschung.
  • Der Knaller, die Pointe, die alles beendet.

Frage dich:

  • Wird die Bedrohung bis zum Schluss aufrecht erhalten?
  • Ist am Ende alles erklärt?
  • Ist die Pointe gut genug angelegt, so dass der Leser mit einem zufriedenen Gefühl zurückgelassen wird?
  • Wird der Bösewicht von Gott getötet? Stelle lieber sicher, dass es der Held war.

Halte den Plot für alle vier Teile in einem Stufendiagramm fest. Ungefähr eine Seite Stufendiagramm für je zehn Seiten der fertigen Geschichte ist angemessen.

Ganz wichtig für den Schreibprozess: Es darf keinerlei Störungen geben. Keine Anrufe, kein Internet, keine Freunde oder Familie. Nichts. Dann schafft du 60.000 Wörter in drei Tagen – mit etwas Übung.

Dieser Artikel basiert auf Tim Dedopulos‚ hervorragendem Artikel „How to write a book in three days“ von seinem Blog www.ghostwoods.com. Tim gab mir die freundliche Genehmigung, hemmungslos zu klauen.


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23 Gedanken zu “Wie man einen Roman in drei Tagen schreibt

  1. Es ist ja bestimmt nicht unmöglich, einen Roman in 3 Tagen zu schreiben. Was aber die Qualität eines solchen Romans betrifft, da habe ich meine Zweifel. Vielleicht irre ich mich aber. Dass einige herausragende Schriftsteller es schaffen könnten, Hochqualitatives in so einer Rekordzeit zu produzieren, halte ich für möglich. Bei den meisten Schriftsteller aber, scheint mir dies ziemlich unwahrscheinlich.

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    • Nun ja, mit der Qualität ist das so eine Sache. Wer entscheidet da schon drüber? Michael Moorcock ist ein Bestseller-Autor mit einem großen Einfluss auf die Popkultur. Sein Weg scheint also zumindest für ihn gut funktioniert zu haben, weswegen ich finde, dass er einen Blick wert ist.

      Ich weiß nicht, ob Moorcock das so meint, aber ich würde auch sagen, dass – analog zum NaNoWriMo – das Manuskript, das in drei Tagen entsteht, nur ein erster Entwurf ist und anschließend noch überarbeitet wird. Denn Qualität entsteht meiner Erfahrung nach immer nur beim Überarbeiten. Mag sein, dass so ein erfahrener und professioneller Autor wie Moorcock nicht mehr überarbeiten muss, Otto-Normal-Schreiber jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit schon.

      Aber wenn ich irgendwann einmal so weit wäre, einen ersten Entwurf in drei Tagen hinzubekommen, dann wäre das super. Wie bereits gesagt, der NaNoWriMo lehrte mich, dass ein erster Entwurf auch in einem Monat geschafft werden kann. Das hätte ich, bevor ich es selbst ausprobiert hatte, auch nicht geglaubt. Irgendwann, wenn ich mal ein Wochenende Zeit habe, werde ich Moorcocks Methode einmal ausprobieren.

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      • Dazu möchte ich einwerfen, dass ich im NaNo 2013 eine Rohfassung innerhalb von 5 Tagen geschrieben habe. Momentan sitze ich an der Überarbeitung und merke selber, dass es an manchen Stellen hakt, aber es gibt genauso Stellen die schon von sich aus ganz gut sind und nicht mehr allzu viel Arbeit benötigen. Man muss sich halt immer vor Augen halten, dass all das was man in kurzer Zeit schreibt nur eine Rohfassung ist um die Geschichte auf das Papier zu bekommen und ob man das nun in 3 oder 30 oder 300 Tagen macht, ist dafür egal.

        Dazu auch nochmal ein Zitat aus einem der Peptalks 2013 von Catherynne M. Valente:

        “You can be good and fast at the same time.

        Though it is important not to put too much pressure on yourself, it is also important to know that quality and speed have absolutely nothing to do with one another. You can write something heart-catchingly brilliant in 30 days. You can do it in 10. There is no reason on this green earth not to try for glory. You’re going to spend these 30 days at the computer anyway. You might as well be mindful while you’re there.”

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        • Vielen Dank für diesen klugen Kommentar beiaenca. Ganz genauso sehe ich das auch. Die Vorstellung, dass Qualität immer Zeit braucht, halte ich auch für falsch. Das Thema ist halt doch komplizierter als die Volksweisheit: „Was lange währt wird endlich gut.“

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  2. Hi,

    ich verkneife mir jetzt mal alle Kommentare zu Moorcock (ja, ich habe seine Romane gelesen, ja, er ist erfolgreich) und nähere mich mal mathematisch dem Problem: Rein physisch schaffe ich nicht mehr als 1000 Wörter / Stunde. Schneller tippe ich nicht (ist NaNoWriMo erprobt). Macht 24.000 Wörter pro Tag. 24.000 x 3 = 72.000 Wörter. Hm, ergibt ein Romanchen. Unter der Voraussetzung, dass ich keine Zeit zum Kaffeekochen etc. abziehe. Realistisch betrachtet, kann man wohl kaum mehr als 12 Stunden am Tag schreiben… Wenn ich aber wie Moorcock Szenen aus alten Romane recycle … Mist, wollte doch nichts über Moorcocks Romane schreiben 😉

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    • Ganz ausdrücklich sind hier 60.000-Wörter-Pulp-Romane gemeint, also im Prinzip Groschenhefte. Wichtiger Punkt im Artikel für mich: absolute Konzentration. Ich denke, es geht hier gar nicht um literarische Qualität. Zumindest ist das nicht der Aspekt, unter dem ich den Artikel für bemerkenswert halte. Ich finde den Gedanken sehr wichtig, mit größtmöglicher Konzentration am ersten Entwurf zu arbeiten. Da habe ich im NaNoWriMo einiges gelernt. Vorher hatte ich es für unmöglich gehalten, einen ersten Entwurf in vier Wochen hinzukriegen. 60.000 Wörter in drei Tagen wären die nächste große Herausforderung.

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  3. Zunächst einmal: Ja, Moorcocks Bücher sind das, was man gemeinhin als Schundroman bezeichnet. Aber (und das ist ein großes Aber): Hinter seinen Geschichten steckt sehr viel literarische Bildung des Autors, angefangen bei Sokrates‘ Theorien zum Geschichtenerzählen bis hin zu vielfältigen philosophischen Theorien und Strömungen des letzten Jahrhunderts. Dieser „Schund“ steckt voll von Anspielungen auf diesen Hintergrund.
    Ich selbst schreibe Romane – bei vorbereiteter Story-Line – mit etwa 5 bis 7 Tausend Worten täglich. Mehr will ich auch nicht.
    Es ist ja gar nicht die Frage, wie schnell man einen Roman schreiben kann. Es ist vielmehr die Frage, wie viele Romane man in einem Leben schreiben kann. Und wer sich zwingt, 20.000 Worte pro Tag zu schreiben, wird…
    … erstens sehr viel mehr Zeit fürs Überarbeiten aufwenden müssen und…
    zweitens sehr bald ausgebrannt sein und dann monatelang gar nicht mehr schreiben.
    Mag sein, dass Moorcock ein Getriebener war, der diesen wahren Schreibrausch brauchte, für die meisten Autoren wäre dieses Vorgehen zwar möglich aber kontraproduktiv.

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    • Nein, einen fertigen 100.000-Wörter-Roman hat man nach drei Tagen bestimmt nicht. Da hast du vollkommen recht. In drei Tagen einen 60.000-Wörter-Entwirf schreiben halte ich für möglich. Ich würde es gerne mal probieren, hatte jedoch noch nie die drei Tage am Stück Zeit.

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  4. Ich finde das Konzept spannend, glaube aber für mich persönlich auch nicht, dass ich an einem Wochenende einen Roman schreiben könnte. Nicht, weil ich es für ummöglich halte, sondern eher, weil mir dazu die Gelegenheit fehlt (freie Wochenenden sind rar, die sind immer für die Familie reserviert) – tatsächlich sind mir meine Wochenenden heilig, da würde ich mir auch kein solches Hammerprogramm aufbürden wollen.
    Wenn ich allerdings davon ausgehe, dass ich ca. 10 Stunden am Tag schreiben könnte (gesetzt den Fall, dass ich tatsächlich einen ganzen Tag zur freien Verfügung hätte und sonst keinerlei Verpflichtungen, außer Toilette-Essen-Trinken) und dies drei Tage lang durchhalte, käme ich auf 30 Stunden reine Schreibzeit für diese 3 Tage.
    Wenn ich jetzt die Realität betrachte, habe ich ca. 1 bis 2 Stunden Schreibzeit pro Tag (produktiv eher 1 Stunde). Würde ich diese 30 Stunden also realistisch verteilen, käme ich wiederum auf 30 Tage – und das wäre dann genau das, was man im NaNoWriMo macht.
    Wie gesagt, für unmöglich halte ich es nicht, aber ich bin auch nicht so besessen, es ausprobieren zu müssen. Hut ab vor all denen, die sowas durchziehen.

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  5. Ich möchte unterstreichen, dass Qualität nicht immer Zeit braucht. Bei meinen inzwischen über 700 Limericks brauche ich von der Idee bis zum fertigen Limerick im Durchschnitt eine Stunde. Mein bester Limerick war in zwei Minuten fix und fertig.

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  6. Ich finde das irreführend. Wenn es darum geht, nach den abgeschlossenen Vorarbeiten(!) einen ersten Entwurf in drei Tagen zu schreiben, sollte das auch so benannt werden: Wie man einen ersten Entwurf in drei Tagen schreibt. Das klingt vielleicht nicht ganz so spektakulär, aber wenigstens ganz entfernt realistisch.

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