Origins oder Superhelden-Biografien für Romanautoren

Wer Superheldencomics mag und gleichzeitig Romane schreibt, kann bei der nächsten Lektüre auf diese vier Dinge achten, die man als Romanautor von den Biografien von Superhelden lernen kann:

1. Epiphanie ist ein wichtiger Schritt der Entwicklung

Bruce hat nach dem Mord an seinen Eltern geschworen, sich an der Unterwelt Gotham Citys zu rächen. Er trainiert, um sich für den Kampf gegen das Verbrechen zu rüsten. Nachts sitzt er in Wayne Manor und zerbricht sich den Kopf, wie er Herr seiner eigenen Ängste werden kann. Eine Fledermaus verirrt sich im Salon und Bruce erkennt – er muss zu einem schreckenerregenden Symbol werden, das noch viel mehr Angst verbreitet, als das Verbrechen, er muss zum Batman werden.

Seit Peter Parker von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen wurde, besitzt er Superkräfte. Aber statt gegen das Verbrechen zu kämpfen, wie es ein anständiger Besitzer von Superkräften nun einmal tut, benutzt er die neuen Fähigkeiten nur, um Kohle zu machen. Erst, nachdem sein geliebter Onkel Ben von einem Verbrecher erschossen wird, den er aus niederen Beweggründen laufen ließ, erkennt er, dass er seine neuen Kräfte verantwortungsvoll benutzen muss – als Spider-Man.

Die guten Superheldengeschichten beinhalten alle einen solchen Moment der Erkenntnis, einen Wendepunkt, der die Figur eine höherer Stufe erklimmen lässt, eine Epiphanie.

Die Epiphanie kann ein wichtiger Bestandteil in der Charakterentwicklung einer literarischen Figur sein, denn sie ist ein einschneidendes, prägendes Erlebnis, das die Figur ihre Bestimmung finden lässt. Leser mögen Figuren, die ihren Platz im Leben gefunden haben.

2. Das Erreichen von Überlebensgröße

The Flash ist nicht nur schnell. Er ist der schnellste Mann der Welt, vielleicht des Universums. Benjamin Grimm, das Ding aus den Fantastic Four, ist nicht nur stark, er sieht auch noch aus wie eine zwei Meter große Ziegelsteinmauer.

Tony Stark ist nicht irgendein Bastler in der Garage, er ist der größte Erfinder unserer Zeit, auch bevor er zum Iron Man wird.

Selbst Bruce Wayne, der eigentlich keine übermenschlichen Eigenschaften besitzt, ist Milliardär, ein Promi und hat in seinem Gürtel für jede Situation auf magische Weise stets das passende Taschenmesser.

Superhelden sind größer als alles, was wir uns in unserem Alltag vorstellen können. Sie sind nicht nur gut in dem, was sie tun, sie sind die besten.

Der Held eines Romans kann durchaus ebenso überlebensgroß sein („Was, du bist Harry Potter? DER Harry Potter? Der mächtigste Magier aller Zeiten?“), sollte aber auf jeden Fall gut sein in dem, was er tut. Er muss vielleicht nicht der Beste der Besten sein, aber er sollte wenigstens kompetent in einer Sache sein, die für die Geschichte wichtig ist.

3. Ungewöhnliche Ereignisse bei der „Geburt“ des Helden

„Kurz nach meiner Geburt ist mein Heimatplanet explodiert.“ Klar, ein Held wie Superman kann nicht einfach so geboren werden, er muss mit einem Knall zur Welt kommen.

Die Geburt einer Figur muss dabei nicht der Moment sein, indem sie aus dem Mutterleib gekrochen kam.

Hal Jordan beginnt sein Leben im Prinzip erst, nachdem ihm ein intergalaktischer Soldat einen Ring und eine Laterne in die Hand gedrückt hat.

Matt Murdocks Geschichte nimmt erst Fahrt auf, als er durch radioaktiven Müll verseucht wird, als er einen Mann vor einem heranrasenden Lastwagen rettete.

Die Geburt eines Helden ist der Moment, indem er zum Helden wird (das kann übrigens die Epiphanie sein, muss es aber nicht).

Ein außergewöhnliches Ereignis bei dieser Geburt sollte dem Schicksal, der Aufgabe oder den besonderen Eigenschaften der Figur entsprechen. Bestimmt findet man subtilere Wege, als dass zum Beispiel Barry Allan (The Flash) von einem Gemisch aus einem Blitz und Chemikalien getroffen wird, aber vom Prinzip her ist dies ein mächtiges, erzählerisches Mittel.

4. Den Mythos plündern

Alle diese Origins haben gemeinsam, dass sie die Mythen und Sagen der Menschheitsgeschichte plündern und ihnen ein modernes Gewand verpassen. Superman ist nur ein extrapolierter Herkules. Was ist Batman anderes als Robin Hood und Zorro in einer Gestalt? The Flashs Kostüm greift sogar die kleinen Flügelchen des Götterboten Hermes auf. Und der mächtige Thor ist …, äh, tja, der mächtige Thor.

Die Autoren der Superheldencomics greifen diese Mythen nicht auf, weil ihnen nichts Besseres einfällt (zumindest unterstelle ich ihnen das mal). Sie benutzen sie, weil sie seit Jahrtausenden tradierte und bewährte Erzählmuster sind, die bei den Menschen gut ankommen, weil sie tief schlummernde Grundbedürfnisse erfüllen.

Joseph Campbell hat dies als den Monomythos identifiziert. James N. Frey zeigt in seinem Buch „The Key“, wie man dies mythischen Qualitäten für seine Romane nutzen kann. Comiclektüre kann dabei helfen, diese Grundmuster des mythischen Erzählens für unsere Zeit zu verinnerlichen, denn hier werden diese Strukturen überdeutlich und modernisiert angewandt.

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3 Gedanken zu “Origins oder Superhelden-Biografien für Romanautoren

  1. Hallo,

    als Comic-Fan kann ich das unmöglich unkommentiert lassen: Ich erinnere mich noch gut an das Roter Blitz / Supermann Crossover aus meiner Jugend. Das Wettrennen der beiden ging unentschieden aus, wenn mich meine grauen Zellen nicht völlig im Stich lassen. Außerdem (wir erinnern uns an Superman 1 – ein echt furchtbarer Film, ja, ja Marcus, ich weiß, du magst ihn – indem „Der Mann aus Stahl“ die Zeit zurückdreht. Was für eine Chance hat da „The Flash“? Und Parallelen zwischen Batman und Robin Hood? Hallo? Was’n mit Green Arrow.
    Ach so, ansonsten ist der Artikel übrigens klasse und für jeden Romanautor absolut empfehlenswert, egal, ob er Superhelden-Romane oder Liebesschnulzen schreibt.

    PS.: Epiphanie? Wo hast du nur diese Worte her?

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  2. Der erste Superman-Film mit Christopher Reeve ist ein Meilenstein der Superheldenfilme und der Filmgeschichte. Okay, ja, die Auflösung mit dieser Zeit-zurückdrehen-Sache ist ein wenig, hm, doof. Selbst für das Genre. Aber er hat viele, viele andere Dinge, die toll sind. Und man darf nicht vergessen, dass er der erste echte Blockbuster-Superheldenfilm war, auf dem heute noch die meisten Filme des Genres aufbauen.

    Green Arrow wurde übrigens ganz bewusst als linksliberales Gegenstück zum eher rechtskonservativen Batman entworfen. Ich mag Green Arrow auch sehr gerne. Allerdings dachte ich mir beim Schreiben des Artikels, dass es nicht weiter notwendig sei, die Parallelen zwischen Green Arrow und Robin Hood zu betonen … Ich meine, grüner Hut, grüne Klamotten, Bogen, Spitzbart … 😉

    Danke für das Kompliment 🙂

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