Besser plotten mit Karteikarten

Ich bin ein Fan von Karteikarten als Hilfsmittel, um einen Plot zu planen. Ich benutze allerdings keine physischen Karteikarten, sondern arbeite mit Scrivener, der besten Software für Autoren, die ich kenne (über die es Qualifizierteres in den Blogs von Axel Hollmann oder von Thomas Boley zu lesen gibt, als ich auf die Schnelle schreiben könnte). Scrivener stellt virtuelle Karteikarten an einer virtuellen Pinnwand zur Verfügung, was das Schreiben eines Romans auf vielfältige Weise ungemein praktisch macht:

  • Fokus: Eine Karteikarte stellt mir nur einen begrenzten Platz zur Verfügung. Ich muss mir gut überlegen, was ich darauf schreibe, damit sie übersichtlich bleibt, so dass ich mich automatisch auf das Wesentliche konzentriere. Konzentration ist immer gut.
  • Organisation: Karteikarten visualisieren meinen Plot. Jede Szene hat eine Karte, ich weiß genau, was wann mit wem und warum passiert, kann das bestenfalls auf einen Blick erfassen usw.
  • Flexibilität: Ich kann die Karteikarten hin und her schieben, entfernen oder welche dazu packen, was in einem Fließtext oder bei einem Flussdiagramm auf Papier so nicht möglich wäre.

Was genau packe ich auf eine Karteikarte? Ganz einfach: eine Szene. Jede Szene des Plots halte ich in Stichpunkten fest.

Früher habe ich alle möglichen Infos auf einer Karteikarte festgehalten: Handlungsort, welche Figuren in der Szene auftauchen, wann die Szene spielt usw. Die vielen Informationen haben jedoch für mich auf Dauer eher den Gegenteiligen Effekt von Organisation und Klarheit bewirkt. Ich musste mich durch die Infos auf der Karte durcharbeiten, was Nerven gekostet hat. Es hat auch verflixt viel Zeit gekostet, alle Infos auf einer Karteikarte zusammenzutragen, nur um später festzustellen, dass ich diese sowieso abändern muss, weil ich Fehler gemacht oder beim Schreiben bessere Ideen entwickelt habe und am Ende auch gar nicht so viel brauchte, wie ich anfangs geglaubt hatte.

Schlimmer noch: Je mehr Infos ich auf eine Karteikarte packe, desto eher verführe ich mich selbst dazu, die Handlung meines Romans aufzublähen und komplexer zu gestalten, als es ihm gut tut. Je einfacher ich die Dinge halte, desto eher kann ich den Überblick behalten, desto leichter und schneller fällt mir die Arbeit und – vor allem – desto einfacher wird es später für den Leser, meinem Plot auch zu folgen.

Inzwischen bin ich dazu übergegangen, so wenig wie möglich auf eine Karte zu schreiben. Und das sind im Prinzip nur drei Dinge:

  1. Handlung: Was passiert in der Szene? Was sind also die wichtigsten Handlungsschritte, die diese Szene ausmachen? Wie treibt die Szene den gesamten Plot voran?
  2. Emotion und Motivation: Was fühlt die Perspektivfigur in der Szene? Was will sie? Was treibt sie an? Und noch viel wichtiger: Was steht ihr dabei im Weg? Worin besteht also der innere oder äußere Konflikt der Szene?
  3. Dramatische Frage: Was ist die entscheidende Frage, mit der die Szene den Leser entlässt? Was ist also der Grund dafür, dass er weiterliest? (Mehr zur dramatischen Frage gibt es in der Wortwerkstatt.)

Das ganze organisiere ich nach dem Scene-Squel-Format, so dass von Szene zu Szene ein Rhythmus aus Spannung und Entspannung für den Leser entsteht.

Der ganze andere organisatorische Kram wie Ort, Zeit, Figuren einer Szene etc. mag vielleicht auch seine Bedeutung haben, aber er lenkt mich davon ab, was wirklich zählt, was den Leser wirklich interessiert. Und das sind die Gefühle der Perspektivfigur und die dramatische Frage, die Spannung erzeugt und ihn zum Weiterlesen veranlasst.

Alles andere ist vielleicht nicht unwichtig, aber doch eher Beiwerk. Denn auch der am besten organisierte Plot bringt am Ende nichts, wenn ich über die ganzen Details den Leser aus den Augen verliere und er das Buch früher oder später aus der Hand legt.

Bevor es Missverständnisse gibt: Natürlich sind Details wichtig. Eine Figur, die zu Beginn des Romans 1,81 m groß ist und strahlend blaue Augen hat, sollte nicht am Ende des Romans 1,74 groß sein und grüne Augen haben. Das wäre eine falsch verstandene Figurenentwicklung.

Aber erstens sollte man sich gut fragen, ob diese Details so wesentlich sind, dass sie dem Leser unbedingt mitgeteilt werden müssen, und zweitens kann man solche Feinheiten getrost in den Überarbeitungsprozess des ersten Entwurfs verlegen.

Den Testlesern wird es schon auffallen, wenn ich solche Fehler gemacht habe. Fallen sie ihm nicht auf, mir aber beim weiteren überarbeiten, ist das ein Anzeichen dafür, dass es sich wahrscheinlich um unwichtige Details handelt, die ich vielleicht lieber weglassen statt korrigieren sollte.

Und wie organisierst du deine Plots? Brauchst du Hilfsmittel wie Karteikarten?

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13 Gedanken zu “Besser plotten mit Karteikarten

    • Cobocards kenne ich nun wiederum nicht. Aber der Vorteil von Scrivener ist halt, dass alles an einem Ort ist: Karteikarten, Recherchen, Entwürfe usw. Ich finde es extrem unpraktisch, beim Schreiben immer zwischen den einzelnen Programmen wechseln zu müssen. Vielen Dank für das Vertrauen, dass du meinem Blog per E-Mail folgst.

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  1. Es macht wirklich Spaß, Deinen Blog zu lesen, obwohl ich so „unendlich“ viele „Schreibbücher und -Seiten“ kenne – gelesen habe – und lese… Manchmal reicht eine andere Formulierung eines Sachverhalts, und schon hab ich ein Aha-Erlebnis.
    Das einzige was ich empfehlen möchte, ist ein anderes Programm zum schreiben – liegt bei mir daran, dass ich mit Englisch nicht klarkomme (ist das Alter, hatte kein Englisch in der Schule) – daher brauche ich eine deutsche Software – und die habe ich mit „Papyrus Autor“ gefunden.
    Wenn ich Writers Café schon toll fand (Karteikarten) – so habe ich mit dem Navigator in Papyrus autor einen unschätzbaren flexiblen Helfer.
    Nun will ich aber erst mal weiter lesen – denn ich nutze den Blog auch gerade als „Motivationsschub“ 😉
    Nuuna

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    • Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Freut mich sehr, wenn dir meine Artikel was gebracht haben.
      Ja, Axel (s.o.) empfiehlt mir auch schon ständig Papyrus. Ich fürchte, ich komme nicht darum herum, mir das Programm zuzulegen. 😉

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  2. Papyrus wäre für mich ein Tool für eine spätere Phase, für eine fortgeschrittene Überarbeitung. Wenn es nicht Scrivener sein soll gibt es noch für Windows Storybook, ein Produkt aus der Schweiz: http://www.novelist.ch/joomla/

    Zum Thema Infos auf Karteikarten: in Scrivener kann man neben dem, was Marcus beschrieben hat, auch noch weitere Infos an die Karten heften. Entweder per Schlüsselwort oder durch ein Label (das mach ich derzeit für den Point of view).

    Handlungszeit, -ort etc. lassen sich auch noch in den eigenen Meta-Daten unterbringen und im Outliner anzeigen.

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  3. […] Ich muss auch nicht lange Prosatexte lesen, wenn ich wissen will, was genau vor zwei, drei Kapiteln geschehen ist (falls mir Details der Handlung entfallen sind usw.). Meine Stufendiagramme bestehen aus möglichst kurzen Zusammenfassungen einzelner Kapitel, so dass ich mir schnell einen Überblick verschaffen kann. Meistens reicht mir ein entsprechender Blick auf eine Karteikarte. […]

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  4. Ich habe nun drei Bücher geschrieben und einen Schreibkurs durchgemacht – und immer noch schwimme ich beim Spannungsaufbau der Szenen. Meistens gelang es mir intuitiv, manchmal ging es aber auch daneben. Aber jetzt nicht mehr! Dank Deinen tollen Artikeln, Marcus, habe ich endlich ein Baugerüst gefunden, an dem ich mich orientieren kann. Es ist zwar die Kompilation aus verschiedenen Artikeln, die mir geholfen hat. Aber ganz besonders der obige Artikel über die Karteikarten in Scrivener verhalf mir zum Durchbruch. Schon beim Plotten spüre ich, wie mich die Geschichte weiterzieht. Es macht Spass, strukturiert vorzugehen und sich immer wieder zu fragen: Was bringt diese Szene der ganzen Geschichte und warum sollte der Leser nach dieser Szene weiterlesen?

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