Horror und Mystery – das perfekte Paar

Horror und Mystery (Mysterium, also schlicht Geheimnis oder Rätsel auf Deutsch) sind Genrebezeichnungen, die so häufig zusammen auftreten, dass sie von vielen synonym verwendet werden. Beide sind schwammig und haben viel gemeinsam. Trotzdem ist es zum Zweck des kreativen und dramatischen Schreibens interessant, sich über die feinen Unterschiede Gedanken zu machen, denn je besser ich weiß, was ich eigentlich schreibe, desto gezielter kann ich mit meinem Roman auch die Erwartungen des Lesers treffen.

Mystery ist durch TV-Serien wie „Akte X“ und Filme wie „The Sixth Sense“ in Deutschland zu einem Schlagwort geworden. Dabei hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch eingebürgert, Mystery für eine Mischung aus urbaner, zeitgenössischer Fantasy und Science Fiction zu benutzen. Ursprünglich bezeichnet Mystery im angloamerikanischen Raum Krimis, in denen das Aufklären eines geheimnisvollen Verbrechens im Vordergrund steht (im Gegensatz beispielsweise zu den Police Procedurals, in denen das Abbilden der Polizeiarbeit den Schwerpunkt bildet).

Der Begriff Mystery wird also im Deutschen diffus verwendet. Kein Wunder, denn er kam mit „Akte X“ in Mode. Die Serie ist keinem klassischen Genre zuzuordnen, denn sie beinhaltet Horror-, Science-Fiction-, Urban-Fantasy- und Krimi-Elemente. Da man aber eine Serie schlecht mit dem Slogan „Akte X, die SF-Urban-Fantasy-Horror-Serie mit vielen Krimielementen“ bewerben kann, musste ein neues Schalgwort her.

Meiner Ansicht nach wird damit aber der eigentliche Kern von „Akte X“ übersehen. Denn Außerirdische und Monster sind eher so was wie Kulissen. Im Zentrum der Serie steht das große Geheimnis, das in nahezu jeder Folge ein kleines Stück weiter enträtselt wird. Insofern passt das Schlagwort Mystery, nur halt eben anders, als es im allgemeinen Sprachgebrauch heute verwendet wird.

Daran ist schon zu erkennen, was meiner Meinung nach dieses Genre so schwer greifbar macht: Mystery ist kein Genre für sich, sondern eher ein Element innerhalb einer Geschichte, die sich um ein Geheimnis dreht. Insofern kann Mystery im Krimi, in der Fantasy, im SF-Roman, im Thriller – oder eben in Horror-Geschichten auftauchen. Gibt es rätselhafte Vorgänge, die den Leser/Zuschauer verunsichern und irritieren und damit in Spannung versetzen, dann ist es Mystery. Nur so lässt sich auch erklären, dass ein waschechter Horrorfilm wie „The Sixth Sense“ als Mystery-Film bezeichnet wird.

In diesem Sinne passen Horror und Mystery besonders gut zusammen, weil sie so viel gemeinsam haben. Im Prinzip ist jede furchteinflößende Geschichte eine Horrorgeschichte. Damit ist Horror nur schwer von anderer Spannungsliteratur zu unterscheiden, wie beispielsweise dem Thriller (weswegen es wahrscheinlich auch häufig zu dem Etikett Horror-Thriller kommt. Hier wollen Buchhändler und Verlage wohl gerne auf Nummer Sicher gehen, dass der potenzielle Käufer erkennt, dass das Buch auch wirklich spannend ist.).

Mystery und Horror sind für sich gesehen also gar keine eigenständigen Genres. Beides sind Gefühle, die beim Leser einer Geschichte entstehen (sollen). Mystery ist das Gefühl der Desorientierung, der Verwirrung angesichts einer widersprüchlichen Wirklichkeit. Die Verstörung der Figuren einer Geschichte, deren Umwelt für sie keinen Sinn mehr ergibt, soll sich auf den Leser übertragen. Dies macht Mystery so schwer vom Horror unterscheidbar, denn auch der Zweck dieser Literatur ist es, den Leser zu verstören – nur eben in der Regel eher durch Gewalt und Ekel.

Ob nun Teeny-Slasher, Vampire, Werwölfe oder die Großen Alten in einer Geschichte vorkommen, ist eher zweitrangig. Als Beispiel dafür können die Alien-Filme dienen, die eindeutig Horror-Filme sind, da sie auf den Zuschauer entsprechend wirken. Vom Setting her gehören sie aber zur Science Fiction.

Als Stephen King einmal auf darauf angesprochen wurde, ob er sich denn als Horror-Autor sehe, antwortete er sinngemäß, er glaube eher, ein Suspense-Autor zu sein. Und damit haben wir den nächsten schwer zu definierenden Kandidaten. Im Gegensatz zu Horror und Mystery wird Suspense jedoch selten als Literaturgenre verwendet, sondern einfach nur als eine bestimmte, besonders intensive Form von Spannung.

Hier schließt sich der Kreis, denn Horror und Mystery als Gemütszustände, die ich beim Leser hervorrufen will, haben ja letztlich nur zum Zweck, ihn in Spannung, also Suspense, zu versetzen.

Es ist also als Autor wenig hilfreich, Genres akademisch nach bestimmten Elementen oder Motiven definieren zu wollen. Letztlich zählt die Erwartungshaltung der Leser, das Gefühl, von dem er erwartet, dass es sich beim Lesen einstellt. Deswegen ist Kings Antwort so klug, denn er lässt sich nicht auf einen Grabenkampf der Genrepuristen und Literaturtheoretiker ein und setzt da an, wo der Autor sein Hauptaugenmerk haben muss: beim Leser.

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3 Antworten auf “Horror und Mystery – das perfekte Paar”

  1. Ein schöner Beitrag mit einem weisen Fazit.

    Zum popkulturtechnisch lädierten Begriff „Mystery“ fällt mir spontan „Mystery mit Jörg Draeger“ als TV-Sendung ein. Das war eine Hokus-Pokus-Esoterik-Show ganz im Geiste von „World of the Psychic with Dr. Peter Venkman“ aus „Ghostbusters II“: geistig leicht angeschlagene Leute berichteten von ihren Begegnungen mit Vampiren, Geistern und Yetis. MmJD kam auf Pro Sieben stets nach der wöchentlichen Portion Akte X und als begeisterter 15-Jähriger habe ich sie mir eigentlich stets angeschaut – an allen drei Terminen, an denen sie ausgestrahlt wurde (soweit ich mich erinnern kann). Nun, in diesem Fall profitieren wir vielleicht sogar ALLE davon, dass der Begriff so diffus ist, dass man darunter nichts Halbes und nichts Ganzes subsumieren kann – jedenfalls nichts, was ohne ein vernünftiges Konzept jemanden dauerhaft zu fesseln vermag. Jörd Draeger und seinen Studiogästen wird es spätestens nach dem dritten Sendetermin klar geworden sein 🙂

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