Top 10 Superheldencomics

Nach den Top-10-Superhelden und den Top-10-Superheldenfilmen muss ich natürlich noch zur Quelle zurück und einen Blick auf meine Lieblingsuperheldencomics werfen.

10. Spider-Man: Torment

Ein Ehrenplatz für Todd McFarlane, dessen Verdienste eher im grafischen Bereich als im literarischen liegen. Trotzdem ist „Torment“ auch erzählerisch ein unterschätztes Comic-Buch.

Seine Stärke beweist McFarlane in seinem visuellen Erzählstil, der nicht ohne Raffinesse ist. Jedes Panel platzt vor detailreicher Dynamik. Leitmotivisch durchzieht das Wort „Doom“ – das doppeldeutig für das Geräusch der Voodoo-Trommeln und das Verhängnis des Helden steht – die ganze Geschichte. Sehr gut gelungen ist McFarlane auch die Montagetechnik, die das unbesorgte Partyleben Mary Janes mit Spider-Mans Überlebenskampf kontrastiert.

Spider-Mans Gegner sind in „Torment“ keine durchgeknallten Partyclowns, sondern blutrünstige, schreckenerregende Monster, die nichts Menschliches mehr haben und nur seinen Tod wollen – und ihn beinahe bekommen.

Somit führt McFarlane Spider-Man mit seiner Interpretation radikal zu den Wurzeln zurück: Er ist kein Held, der für Recht und Ordnung kämpft, sondern ein Getriebener, der letztlich nur noch knapp seine eigene Haut retten kann.

9. Marvels

Kurt Busieks und Alex Ross‘ epischer Streifzug durch die Geschichte der Marvel-Comics.

Busieks Kunstgriff als Autor besteht darin, die wichtigsten Superheldentaten vergangener Marvel-Comics aus der Perspektive eines ganz normalen Menschen neu zu erzählen. Ross‘ Zeichenstil, der irgendwo zwischen Fotorealismus und Ölgemälde anzusiedeln ist, harmoniert perfekt mit diesem Ansatz, denn er balanciert zwischen der Alltagswelt der normalen Menschen und der bunten Wunderwelt der Superhelden.

Marvels“ ist ein tolles Beispiel dafür, wie wichtig Perspektive ist. Es ist faszinierend, wie es Busiek gelingt, aus 60 Jahren oberflächlicher Superheldenklopperei eine anrührende, menschliche Geschichte zu schaffen.

8. Kingdom Come

Nachdem der Joker Lois Lane und auch den Rest der Angestellten des Daily Planet ermordet hat, taucht ein neuer Superheld auf – Magog. Er bringt kurzerhand den Joker um und genießt dafür die Sympathien der Menge. Schockiert wendet sich Superman von der Menschheit ab und zieht sich in seine Festung der Einsamkeit zurück. Die nächsten zehn Jahre wütet Magog durch die Szene der Superschurken und wird zum gefeierten Helden, was auch alle anderen Helden der alten Garde JLA dazu bringt, sich selbst in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen.

Eine neue Generation der Helden und Schurken ist entfesselt, wütet eine Dekade lang ohne Rücksicht auf Verluste über den Planeten, was in einem vorläufien Höhepunkt dazu führt, dass Kansas vernichtet wird. Weniger als je zuvor kann zwischen Gut und Böse unterschieden werden, denn die ewigen Schlachten der Metamenschen bringen der Welt nichts als Chaos und Vernichtung.

Es ist klar: Die Band muss wieder zusammengebracht werden, doch auch die altgedienten Superschurken haben sich formiert und noch ein gewaltiges Ass im Ärmel …

Das Konkurrenzprodukt von DC zu „Marvels“, ebenfalls von Alex Ross gezeichnet und weitestgehend von ihm erdacht. Auch hier werden mit viel Fingerspitzengefühl das Golden und das Silver Age der Superheldencomics zur ironischen Brechung und gleichzeitg zur Homage als Erzählmuster genutzt. Heraus kommt eine epische Geschichte voller Insider-Gags, aber auch einer allegorischen Handlung.

7. Astro City

Astro City“ ist so etwas wie ein parodistischer Rundumschlag auf das ganze Superhelden-Genre. Dies beginnt schon beim Titel , denn Atrocity heißt übersetzt ja so viel wie Greueltat und gibt damit die Richtung der ganzen Serie vor: Statt glorifizierend übermenschliche Heldentaten darzustellen wird eine Welt entworfen, in der die normalen Menschen darunter leiden müssen, dass die Superhelden Astro Citys ihre eigentliche Aufgabe – nämlich den Durchschnittsbürger vor Katastrophen zu retten – aus den Augen verloren haben und stattdessen lieber Schlachten mit Superschurken schlagen, die für den Mann von der Straße desaströse Folgen haben.

Kurt Busiek greift hier den Ansatz von „Marvels“ und „Kingdom Come“ erneut auf und führt ihn konsequent weiter. Indem er keine bereits etablierten Superhelden benutzt, um seine Geschichte zu erzählen, sondern seine eigenen erschafft, die gleichzeitig Parodien wie auch starke eigenständige Figuren sind, verleiht er diesem Konzept noch mehr Tiefe.

6. Daredevil: The Man Without Fear

Der junge Matt Murdock kommt von ganz unten. Sein Vater ist ein ehemaliger Boxstar, der sich, ohne es zu wollen, im Netz des organisierten Verbrechens verstrickt. Um seinem Sohn eine Perspektive aus Hell’s Kitchen zu bieten, schärft er ihm ein, fleißig zu lernen und der Beste zu sein.

Doch der junge Matt muss erleben, dass sein Vater nicht nur gezwungen ist, seine eigenen Ideale zu verraten, um ihm seine Schulbildung und das Essen auf dem Tisch zu ermöglichen, sondern immer weiter im Sumpf der Kriminalität versinkt, bis dieser ihn schließlich umbringt. Matts Vater muss dafür sterben, dass er sich in seinem großen Comeback-Kampf nicht dem Willen der Buchmacher beugt, die den Favoriten schnell auf die Bretter schicken wollen, um ihren Profit zu machen, sondern den Kampf gewinnt.

Matt schwört Rache – und trotz seiner Blindheit bekommt er die Gelegenheit dazu, als ein mysteriöser Fremder sich seiner annimmt, um ihm zu lehren, dass Blindheit nicht gleichbedeutend mit Hilflosigkeit ist.

Nach „Batman: The Dark Knight“ revolutionierte Miller 1993, sieben Jahre später, Daredevil, den Miller schon Ende der 1970er und frühen 80er Jahre in der fortlaufenden Serie für Marvel betreut hatte. Und man merkt „The Man Without Fear“ deutlich an, dass Miller diese Figur nicht nur in und auswendig kennt, sondern auch ins Herz geschlossen hat.

Millers Daredevil hat keinen Radarsinn, sondern erhält seine Fähigkeiten allein durch hartes Training, Meditationstechnik und seinen starken Willen. Fünf Hefte lang wartet man vergeblich auf das rote Kostüm, in das Matt Murdock erst im letzten Splash Page schlüpft.

Ist das noch ein Superheldencomic?

O ja, denn dafür, dass Miller Daredevil sein Kostüm und den üblichen Superheldenschnickschnack nimmt, gibt er ihm eine vertiefte Psychologie, aus der deutlich wird, dass Murdock ein Held ist, weil es ihm gelingt, sich selbst und alle widrigen Lebensumstände zu überwinden – um wahrhaftig ein Mann ohne Furcht zu werden.

Im Gegensatz zu späteren Werken verliert sich Miller jedoch auch nicht im Schwelgen von Gewalt und Vergeltung. Es fällt der wichtige Satz, der mit Daredevils Figur so sehr verbunden ist, wie Spider-Mans „Aus großer Macht folgt große Verantwortung“: „Ein Mann ohne Furcht, ist ein Mann ohne Hoffnung.“ Ob und wie viel Hoffnung es am Ende für Matt Murdock gibt, lässt der Comic jedoch offen.

Millers Schreibstil und Erzähltalent sind meiner Meinung nach in diesem Comic auf dem Höhepunkt: Einwortsätze, Ellipsen und knappe Dialoge fassen nur das Allerwichtigste in Buchstaben und erzeugen so gleichzeitig Tempo und Poesie. Ich sage das selten, vor allem bei Comics, aber „Man Without Fear“ muss man im Original lesen, um diese Geschichte um Eigenverantwortung und das Ausschöpfen des eigenen Potentials vollens genießen zu können.

5. 1602

Neil Gaiman versetzt in dieser Mini-Serie die Marvel-Superhelden in das titelgebende Jahr 1602. Es ist schlicht unmöglich in der hier gebotenen Kürze angemessen auf dieses Meisterwerk einzugehen. Deswegen kann ich nur ein paar bruchstückhafte Einblicke liefern.

Mit seinem Plot kehrt Gaiman schlicht sämtlich Konventionen des Genres um. Seine Graphic Novel ist (zumindest über weite Teile) eher ein historischer Mystery-Roman und keine bunte, bewegte Klopperei. Es geht maßgeblich um politische Intrigen im England des frühen 17. Jahrhunderts. Wer nicht weiß, dass die meisten auftauchenden Figuren 400 Jahre später Superhelden sind, wird dies im ersten Drittel der Geschichte wahrscheinlich kaum bemerken und im Rest getrost ignorieren können. Auf bunte Kostüme wartet man (fast) vergeblich und teilweise braucht auch der Kenner eine Weile, um herauszufinden, welche Figur welchem Superhelden des Marvel-Universums entspricht.

Nur ein kleiner Überblick: Spider-Man tritt durchgehend als sehr jugendlicher Peter auf, der gar keine Superkräfte besitzt, dafür aber als Running-Gag immer wieder Gefahr läuft, von einer Spinne gebissen zu werden. Captain America ist zum amerikanischen Ureinwohner geworden, der wortkarg im Exil ein Mädchen namens Virgina beschützt usw.

Auch ohne die vielen Insidergags zu verstehen – die für sich gesehen ein Fest für jeden Superhelden-Fan sind, zeigen sie doch gleichzeitig jede Figur in einem neuen Licht, mit ironischen Anspielungen, aber auch liebevoller Neuinterpretation – ist „1602“ einfach eine ungemein spannende Mystery-Geschichte, fast schon ein historischer Roman, der erst zum Ende hin die von einem Superheldencomic zu erwartenden Elemente aufweist.

Die für Superheldencomics übliche übertriebene und verharmlosende Gewalt fehlt fast völlig. Fast ausschließlich entwickelt Gaiman die Geschichte über Dialoge und schreibt dabei eher ein Shakespeare-Drama. Überhaupt entsteht beim Lesen der Eindruck, dass Gaiman hier den Ehrgeiz entwickelt hat, ein Comic zu verfassen, wie es Shakespeare getan hätte, wenn es zu seiner Zeit bereits Comics und Superheleden gegeben hätte.

4. Superman For All Seasons

Der meiner Meinung nach schönste Superman-Comic. Die ersten Jahre Clark Kents und Supermans werden von Jeff Loeb aus einer etwas neuen Perspektive erzählt.

Die reguläre Superman-Serien sind allzu oft voller überkandidelter Action. Loeb fokussiert sich auf die kleinen Dinge im Superman-Universum, auf Clark Kents Beziehung zu seiner Familie, seinen Freunden und die Schwierigkeiten, die ein Außenseiter beim Heranwachsen in einer Kleinstadt hat, und wirft einen sehr menschlichen Blick darauf, was es bei einem eigentlich relativ einfach gestrickten Jungen vom Land mit schlichten Idealen von Gut und Böse für Auswirkungen haben kann, überirdische Kräfte zu entwickeln und mit den größten Katastrophen und übelsten Bösen der Welt konfrontiert zu sein.

Tim Sale setzt diese ruhige Geschichte, die den Fokus von spektakulären Kräften und roten Unterhosen auf Clarks Psychologie und sein Heranwachsen verschiebt, in erhabene und gleichzeitg überzogene Bilder um, die durch ihren Minimalismus beeindrucken und so Loebs Text nicht nur angemessen umsetzen, sondern auch sinnvoll ergänzen. Eine ergreifende Geschichte um Moral und Erhabenheit, wie sie typischer für Superman nicht sein könnte.

3. Batman: Year One

Millers zweiter Geniestreich zum Batman-Universum nach „The Dark Knight Returns“. Batmans Entstehungsgeschichte, neu erzählt und um den spätestens seit den frühen 1990ern in den Superheldencomics neu entdeckten Realismus bemüht, eine Entwicklung, die Christopher Nolan 2005 zum Grundkonzept seines „Batman Begins“ gemacht hat.

Auch hier besteht Millers Kunstgriff darin, die spektakulären Superheldentaten auf ein menschliches Niveau herabzuziehen, indem die eigentliche Hauptfigur des Comics nicht Batman ist, noch nicht einmal Bruce Wayne, sondern James Gordon.

Die Geschichten Bruce Waynes und Jim Gordons werden parallel erzählt, wobei die Handlung bezeichnenderweise mit Gordons Ankunft in Gotham City einsetzt, nicht mit der Bruce Waynes.

Beide, Wayne/Batman und James Gordon, versuchen im korrupten und vom Verbrechen überwältigten Gotham City ihren Weg zu finden. Dabei geht es für sie um keine großen Heldentaten, sondern vielmehr um eine Möglichkeit, zu überleben, ohne die eigenen Ideale zu verraten und sich selbst zu verlieren.

Für beide wäre es leicht, sich dem Schicksal zu ergeben, die Hand aufzuhalten, wie alle anderen auch und sich mit den schlimmen Zuständen zu arrangieren. Doch beiden ist dieser Weg versperrt, Jim Gordon, weil er bald Vater wird und sich fragt, was er seinem ungeborenen Kind auf dieser Welt hinterlassen will. Und Bruce Wayne wird von seinem Schicksal getrieben, von dem Wunsch nach Vergeltung, in der Stadt aufzuräumen, die ihm seine Eltern brutal entrissen hat, einer Stadt, in die sein Vater einst all seinen Ehrgeiz und seine Hoffnung gesetzt hat und dafür sein Leben ließ.

Miller ist mit „Year One“ eine mitreißende, ergreifende Geschichte gelungen, in der zwei zunächst verfeindete Männer erkennen, dass sie auf der gleichen Seite stehen. Sie legen getrennt einen Weg der schwierigen Entscheidungen zurück, der sie letztlich zusammenführt und in gegenseitiger Achtung zurücklässt.

2. Batman: The Dark Knight Returns

Es hat mich schon ein bisschen irritiert, dass ich feststellen musste, dass Batman durchaus als Figur nicht unbedingt mein Lieblingssuperheld ist, Millers beide großen Beiträge zu Batman jedoch ganz vorne unter meinen Lieblingscomics sind. Aber um die Qualität und die Bedeutung für das gesamte Genre von „The Dark Knight Returns“ komme auch ich nicht herum. Miller hat damit ein Kunstwerk geschaffen, das in so ziemlicher jeder Beziehung einzigartig und herausragend ist.

Auch wenn Miller in „Year One“ und in „The Man Without Fear“ seinen Helden wesentlich radikaler vermenschlicht hat und damit in gewisser Weise literarisch gelungenere Werke hinterlassen hat, ist „The Dark Knight Returns“ für mich von diesen drei Storys die mitreißendste.

Batman, der sich schon vor einer Weile auf das Altenteil zurückgezogen hat, steht in diesem Comic am Ende seines Lebenswerks und muss erkennen, dass eigentlich alles noch schlimmer ist als je zuvor. Gotham City versinkt in Anarchie und in Gewalt angesichts einer neuen Gang, den Mutanten, die niemand in die Schranken zu weisen weiß.

Also beißt der Superhelden-Rentner die Zähne zusammen und zwängt sich in die alten Strumpfhosen, um es noch einmal krachen zu lassen. Aber aus dem einmalig geplanten Auftritt wird eine Dauershow. Der unbeabsichtigte Nebeneffekt: Nicht nur Batman holt Bruce Wayne aus dem Ruhestand, auch all die alten Superschurken, die eigentlich längst Schnee von gestern waren, kommen wieder aus ihren Löchern gekrochen, um sich dem Dunklen Ritter zu stellen.

Und so tritt Batman ungewollt eine Gewaltspirale los, der er sich nicht mehr entziehen kann, und die schließlich mit einer Schlacht zwischen ihm und Superman ihren Höhepunkt findet.

Ironische Wendung zum Schluss: Batman findet keinen anderen Weg aus dem Dilemma, in das er sich manövriert hat, als im Kampf gegen Superman seinen eigenen Tod vorzutäuschen, um danach im Untergrund die eigentlichen Auslöser der Krise, die zu Batmans Jüngern konvertierten Mutanten, zu seiner privaten Armee für Recht und Gerechtigkeit auszubilden.

Miller charakterisiert Batman in Wort und Bild als wenig sympathischen und damit wahrhaftig dunkeln Rächer, der zwanghaft tut, was er eben tut und darüber selbst verzweifelt. Die ganze Komplexität aus Fanatismus und dem Versucht, mit Gewalt Gutes zu tun und das Böse in seine Schranken zu verweisen, wird in diesem Comic, das voller sozial- und medienkritischer, aber auch politischer Anspielungen auf den Kalten Krieg nur so strotzt, in genialer Kunst visualisiert.

1. Watchmen

Watchmen“ ist mein liebstes Superheldencomic, das meiner Meinung nach beste Comic, das je geschaffen wurde und auch gleichzeitig ein wunderbares Stück Literatur.

Kaum ein anderes Superheldencomic verdient die Bezeichnung Graphic-Novel so sehr wie „Watchmen“. Nicht nur vom Umfang, auch von der erzählerischen Tiefe her kann es Watchmen mit unbebilderten Romanen locker aufnehmen. Zeitgleich aber unabhängig voneinander mit „The Dark Knight Returns“ erschienen, beweist Alan Moore eindrucksvoll, dass Superhelden-Comics das Potenzial haben, reife und bedeutungsvolle Geschichten zu erzählen. Ohne Miller und Moore wären wahrscheinlich alle anderen Comics auf dieser Liste nie erschienen.

Die Zeit der Superhelden ist in „Watchmen“ vorbei. Dabei sind die meisten Superhelden, die in „Watchmen“ die zentrale Rolle spielen, mit gar keinen Superkräften ausgestattet. Sie sind eher etwas wie verkleidete Polizisten, die im Wettrüsten mit den Schurken einfach eins draufsetzen mussten. Dementsprechend durchgeknallt sind sie auch. Moore geht – so ganz nebenbei – der Frage nach, was der Alltag eines Superhelden mit der menschlichen Psyche anrichten kann.

Die Welt, in der sich Moores Superhelden bewegen, beinhaltet bezeichnenderweise keine Superschurken mehr. Der Feind in „Watchmen“ ist zunächst ein gesichtsloser Serienmörder, der die ehemaligen Superhelden einen nach dem anderen um die Ecke bringt – ein Ereignis, dass die verbleibenden Ex-Helden natürlich in Aufregung versetzt. All dies wird jedoch im Laufe der Ereignisse überschattet vom drohenden Atomkrieg: Die Welt der „Watchmen“ ist eine satirsch und dystopisch überhöhte Version der Welt des Kalten Kriegs.

Während die bisher genannten Werke hauptsächlich in einem Bereich punkten, reizt Alan Moore Setting, Figuren, Plot und Erzählperspektive voll aus, ohne den Bogen zu überspannen. Gleichzeitig folgt er den Erzählmustern der Superheldencomics und vermeidet doch virtuos jedes Klischee.

Die vielen verschiedenen Ebenen, die Moore mit seinem Werk ausschöpft, sind kaum aufzuzählen: Vom Krimi bis zur Allegorie, von bissiger Satire bis hin zur Homage deckt Moore in diesem gleichzeitig komplexen und doch locker erzählten Werk einfach alles ab und erfüllt den für mich höchsten Anspruch, den ich an einen Text stelle, nämlich gleichzeitig unterhaltsam und trotzdem nicht oberflächlich zu sein.

Die eigentliche Größe von „Watchmen“ liegt für mich im Dilemma, vor das Moore seine Figuren und damit auch den Leser stellt – ist es gerechtfertigt, Millionen zu töten, um Milliarden zu retten? Besteht Heldentum darin, diese schwere Entscheidung zu treffen, die sonst niemand treffen kann, oder besteht Heldentum darin, auch im Angesicht der Katastrophe seine Ideale nicht zu verraten und für sie im Zweifelsfall lieber zu sterben? Gibt es die Wahrheit und das Gute oder ist das Leben nicht vielmehr ein steter Entscheidungsprozess der in Loose-Loose-Situationen endet?

Das sind – neben vielen kleinen – die großen Fragen, die „Watchmen“ künstlerisch virtuos aufwirft und auf die keine einfachen Antworten präsentiert werden, ganz im Gegensatz zu den Konventionen des Genres.

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19 Gedanken zu “Top 10 Superheldencomics

  1. Der Artikel gefällt mir sehr gut. Natürlich hätte ich vielleicht hier und da andere Schwerpunkte gesetzt, aber das ist Geschmackssache. Es kommt ja auch die Stimmigkeit der Begründungen an und die sind sehr kompetent.
    Ich fand z.B. im Werk Millers „Electra:Assasin“ einen Meilenstein. Aber egal … 😉

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  2. Vielen Dank für die unterstellte Kompetenz. Ja, natürlich hat Miller noch viel, viel mehr hervorragende Dinge geschrieben. Mit Electra konnte ich mich als Figur jedoch persönlich nie richtig anfreunden, auch wenn ich die Qualität natürlich nicht leugnen kann.

    Letztlich bleibt das Ausschlaggebende doch der Geschmack, das ist halt richtig. Aber ich freue mich auch über jeden Tipp.

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  3. „Watchmen“ lag Weihnachten bei mir unterm Baum. Ich bin erst ein Viertel drin und bin einfach hin und weg. Ich liebe diesen Comic jetzt schon. Sollte ich beschreiben warum, ich wüsste gar nicht wo ich anfangen sollte.

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  4. Wenn man mal „Dark Knight“ und „Watchmen“ vergleicht: Bei beiden Werken gilt, wie Du schreibst „Die Zeit der Superhelden ist vorbei“. Interessant, dies mal so im Vergleich zu lesen und zu sehen… Was sagt uns das über die 80er (und warum haben gerade solche Werke zum Wiedererstarken der Superheldencomics geführt???)

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    • Eine interessante Bemerkung. So war mir das noch gar nicht bewusst. Ich denke, dass da zwei Entwicklungen parallel verliefen, die eigentlich wenig miteinander zutun hatten.

      Ich glaube, Superhelden sind im gewissen Sinne Supersoldaten, bzw. die Personifikation des edlen, anständigen, patriotischen Soldaten. Superman hat ja zum Beginn seiner Karriere gegen Nazis gekämpft und Captain Amerika wurde allein zu diesem Zweck entworfen.

      Diese Funktion ging mit der Zeit schleichend verloren. Bei Spider-Man ist dieses Soldatische kaum noch zu erkennen, er ist eher der Supersozialarbeiter und viel menschlicher als seine Vorgänger.

      „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“ würden somit einen Höhe- und Schlusspunkt unter diese Entwicklung setzten, was Miller dadurch zeigt, dass Batman den Urtypus des Supersoldaten vermöbelt. Millers Superman wirkt ja auch wie die Karrikatur eines Soldaten.

      In beiden Comics spielt die atomare Bedrohung eine große Rolle, die Soldaten überflüssig macht.

      Die zweite Entwicklung ist die des Lesers. In den späten 1980er Jahren gab es wahrscheinlich das erste Mal in nennenswerter Zahl ein erwachsenes Publikum. Das schuf dann die Möglichkeit, auch erwachsenere Geschichten zu erzählen. Dazu mussten zwangsweise Superhelden menschlicher werden.

      Beide Entwicklungen bewirkten, dass es für Superheldencomics ein größeres Publikum gab.

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  5. Es kommt noch hinzu, dass nicht nur das Publikum älter geworden ist sondern auch die Macher. Alles strebte sozusagen nach mehr Reife und Erwachsenen-Comics, wobei das meist gar nicht gelungen ist. Die meisten Superhelden-Comics sind einfach grottig. Miller und Moore haben Modelle entwickelt, wie ein erwachsener und dennoch massen-kompatibler Comic aussehen könnte.

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    • Na ja, „alt“ waren die Macher eigentlich auch schon in den 1940ern bis 1980ern, jedenfalls älter als die Kinder und Jugendlichen, die hauptsächlich Comics gelesen haben dürften. Aber du hast natürlich Recht, die Macher sind in den 1980ern „reifer“ geworden. Es steckte aber auch Kalkül dahinter. Jemand wie Frank Miller kommt ja aus der US-Comic-Ursuppe. Aber gerade DC hat mit Alan Moore und anderen britischen Underground-Autoren gezielt Leute aus Großbritannien angeworben, die ein anderes Profil haben.
      Es stimmt, die Masse der Superheldencomics ist ungenießbar, aber zum Glück ist der Markt so groß, dass immer wieder Perlen auftauchen. Grant Morrisons New-52-Reboot von Superman fällt mir da als jüngstes Beispiel ein.

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      • Da hast Du recht, das war schlecht formuliert von mir. Was ich meinte, ist, dass eigentlich jedes Medium bis zu einem bestimmten Punkt nach mehr Komplexität strebt. Das hat mit einem Reifeprozess bei den Machern zu tun. Sieh Dir z.B. mal an, was Jack Kirby in seiner Spätphase gemacht hat: „Kamandi“, „Omac“ oder die „New Gods“ sind zwar keine intellektuelle Sternstunden aber dennoch meilenweit von seinen Marvel-Sachen entfernt. Ein Zeichner wie Neal Adams oder andererseits Will Eisner haben das Medium früh durchdrungen und haben sich über die Stereotypen darin lustig gemacht. Auf der Grundlage des Werkes einer Generation von Comicmachern hat die nächste weitergemacht. (Übrigens habe ich mir diesen dicken Schinken „75 years DC-Comics“, bei Taschen verlegt, geholt, wo rein visuell das Erwachsenwerden der Comics wunderbar deutlich wird. Ich habe nur ein anderes Mal ein Buch in Händen gehabt, dass von der Bildredaktion her ähnlich aussagekräftig war.) Das meinte ich mit „älter werden“: Nicht nur in Jahren sondern von der Geisteshaltung her.
        Ja stimmt, die „Perlen“ machen’s 😉 Wobei ich zu bedenken gebe, dass jedes Comic, das unreflektiert oder lediglich in Maßen reflektiert dem Superheldenkult frönt, sehr fragwürdig ist. Denn dahinter versteckt sich ein grundlegend gewalttätiges (amerikanisches) Menschenbild. Wenn da nicht das teils hervorragende Artwork gewesen wäre, ich hätte Comics nie in die Hand genommen. Übrigens habe ich auch fast nie die Geschichten gelesen und meist nur die Bilder betrachtet. Mache ich noch heute in der Regel so. Wie fragwürdig selbst die Weltbilder solcher Helden wie Frank Miller sind, sieht man zugespitzt aktuell auch an „Holy Terror“.
        „New 52“ kenne ich nicht. Lesenswert?

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        • Stimme dir in allen Punkten zu. „75 Years of DC Comics“ klingt nach einem guten Tipp. Danke.
          Was die Gewalt und das, hm, „Amerikanische“ in Superheldencomics angeht. Ja, teilweise gebe ich dir da Recht. Irgendetwas unreflektiert zu lesen ist prinzipiell keine gute Idee. Natürlich ist eines der Grundthemen der meisten Superheldencomics der Gedanke, dass Gewalt ein legitimes und auch gutes Mittel ist, um Konflikte zu lösen. Aber eben hier sehe ich die Leistung der herausragenden Vertreter. Diese schaffen es, auch die Konsequenzen der Gewalt zu thematisieren. Da sehe ich selbst bei Miller entsprechende Leistungen – zugegeben nur auf dem Höhepunkt seiner Karriere, weder im Frühwerk, noch in aktuelleren Titeln.
          Richtig fundiert kann ich über „The New 52“ nicht urteilen. Falls du es noch nicht weißt, damit ist der derzeitige Reboot der gesamten DC-Heftserien gemeint. Ich wurde nur darauf aufmerksam, weil die Superman-Inkarnation der Action-Comics von Grant Morrison geschrieben wird. Die ersten Hefte habe ich mir geholt und es bisher nicht bereut. Morrison erfindet die Figur wirklich neu und führt sie gleichzeitig zu ihren Wurzeln zurück. Aber wie das bei einer fortlaufenden Serie halt so ist: Wirklich beurteilen kann man das nach vier Ausgaben noch nicht. „Animal Man“ wird heiß gehandelt. Die erste Ausgabe habe ich mir auch besorgt, aber noch nicht gelesen. Die neuen „Batman“-Titel sollen Mega-Bestseller sein, wie ich gelesen habe. Ob das was aussagt, weiß ich auch noch nicht. Werde mich da Stück für Stück einlesen, denn so viel Zeit habe ich dafür leider auch nicht. Und wie der Titel schon sagt, es sind 52 (!) Serien …

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          • Danke für die Info. Noch ein Wort zu „75 Years of DC Comics“. Das Buch ist produktionstechnisch ein Leckerbissen aber vor allem sind dort eigentlich alle visuellen Meilensteine zu finden. Das ist so gut gelungen, dass die Superheldencomics eigentlich viel zu gut wegkommen. Nach der Lektüre meint man, dass die alle nur so vor Kreativität und Originalität strotzen… – das liegt daran, dass wirklich alles grafisch Interessante sich dort wiederfindet. Davon abgesehen ist das Buch wegen seines Umfanges auch vollständig. Es sind alle wichtigen DC-Schöpfer enthalten. Nachteil: Teuer und überformatig, also nicht für jedes Bücherregal geeignet.

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            • Habe schon gesehen, dass das Buch ziemlich teuer ist. Bin gerade dabei, die Kröten für die „Absolute Sandman“-Bände zusammenzukratzen. „75 Years of DC Comics“ wird also notgedrungen noch ein wenig warten müssen. Aber was wäre das Leben auch ohne die kleinen Dinge, auf die man sich noch freuen kann …

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