NaNoWriMo 2011, Teil 5: Erfahrungen

Yeah, ich habe gewonnen! Der NaNoWriMo liegt erfolgreich hinter mir, der Vier-Wochen-Sprint gegen mich selbst.

Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass der November für mich eine Offenbarung war. Ich habe viel gelernt und Erfahrungen gemacht, die die Art und Weise, wie ich in Zukunft schreiben werde, entscheidend verändern.

1. Richtig schreiben

Richtig schreiben geht nur konzentriert, ohne Ablenkung durch das Internet und anderes störendes Drumherum (mit geschlossener Tür, wie es Stephen King in „Das Leben und das Schreiben“ ausdrückt.). Vielleicht ist Musik manchmal hilfreich, da habe ich mich noch nicht entschieden, bzw. entscheide ich von Fall zu Fall. Aber das ist ein etwas anderes Thema.

Mit Konzentration meine ich eher: Wenn ich den ersten Entwurf schreibe, schreibe ich. Ich schlage nicht im Duden nach, recherchiere nicht, suche nicht nach elaborierten Formulierungen usw.

Natürlich sind das alles wichtige Dinge, die erledigt werden müssen. Sie dürfen nur nicht gemacht werden, während ich den ersten Entwurf schreibe.

Dass Konzentration entscheidend ist, wusste ich auch schon vorher. Nur habe ich bis zum November stets nach zusammenhängender Zeit gesucht, um ein großes Stück Text produzieren zu können. Unter einer Stunde Schreibzeit habe ich mich erst gar nicht an den Laptop gesetzt, weil ich stets gedacht habe, dass sich das nicht lohnt.

NaNoWriMo zwang mich, auch für wesentlich kürzere Einheiten zum Laptop zu greifen, denn wenn ich nicht damit begonnen hätte hier und da mal ein-, zwei- oder dreihundert Wörter runterzureißen, hätte ich die 50.000 Wörter in vier Wochen nie geschafft.

2. Schnell schreiben

Ich habe schon immer versucht, schnell zu schreiben. Aber bis zum NaNoWriMo habe ich nicht gewusst, wie schnell ich wirklich schreiben kann. Dabei bin ich normalerweise kein Schneller-Höher-Weiter-Mensch. Aber dank NaNoWriMo habe ich erfahren, und dadurch erst wirklich verstanden, warum es wichtig ist, den ersten Entwurf eines Projekts schnell anzufertigen.

Es geht meiner Meinung nach um das, was James N. Frey „Den Traum noch einmal träumen“ nennt. Schreiben, so Frey, ist ein aktives Tagträumen. Eine Idee, die man irgendwann hatte, muss am Laptop reproduziert werden und im Kopf erneut stattfinden,  der Film vor dem inneren Auge, das Kopfkino, muss ein zweites Mal ablaufen können.

Je eher meine Finger und meine Gedanken synchron verlaufen, desto besser schaffe ich es, den erneut geträumten Traum festzuhalten und auch neue Einfälle beim Schreiben zu entwickeln. Viele Ideen werden auf diese Weise schnell konserviert, die sonst verloren gehen.

Es geht beim schnellen Schreiben also für mich nicht um die Quantität, die ist eher eine Art positiver Nebeneffekt. Es geht wirklich um die Qualität des Schreibens, also darum, die guten Ideen nicht zu verlieren. Die sprachliche Qualität ist in diesem Stadium des Entwurfs vollkommen zu vernachlässigen.

Schließlich macht es einfach mehr Spaß, den Traum noch einmal zu träumen und ihn zügig zu Papier zu bringen, als hart um Ideen zu ringen.

3. Den inneren Lektor bekämpfen

Eigentlich fühlte ich mich längst gegen den inneren Lektor gefeit. Der innere Lektor ist nicht der innere Kritiker. Wer schreibt, liebt Sprache. Wer die Sprache liebt, möchte gerne so schön wie möglich schreiben. Schnelles Schreiben und sprachlich gutes Schreiben schließen sich aus. Der Drang nach sprachlichem Perfektionismus lässt mich jedoch häufig auch schon beim ersten Entwurf über Formulierungen stolpern.

Und während ich dann daran sitze, diesen einen Satz zu polieren, bis er strahlt, habe ich die nächsten fünf guten Einfälle schon wieder vergessen. Oder erst gar nicht gehabt. Oder die Zeit zum Schreiben ist einfach um.

Der innere Lektor ist der Feind einer jeden Deadline und eines jeden ersten Entwurfs. Er führt zusammen mit dem inneren Kritiker dazu, dass man von so vielen Projekten nur redet und schließlich jahrelang am ersten Manuskript sitzt, um es dann doch nie fertig zu stellen.

Ich glaube, dass dieser innere Lektor und der innere Kritiker zusammen die berühmte Schreibblockade ausmachen. Eben diese heilt der NaNoWriMo garantiert, wenn man ihn durchzieht. Denn der NaNoWriMo zwingt einen zum BIC HOK („Butt in chair, hands on keyboard.“, was in etwa so viel heißt wie „Hintern auf den Stuhl, Hände auf die Tastatur.“, eine tolle Strategie gegen die Schreibblockade, die in dieser unverzichtbaren Folge von Writing Excuses vorgestellt wird.).

4. Richtig überarbeiten

Überarbeiten bedeutet für mich nicht, dass am ersten Entwurf nur hier und da Formulierungen verändert werden müssen. Überarbeiten bedeutet, aus dem Wirrwarr der ersten Gedanken die Ideen herauszufiltern, die funktionieren und den Rest neu und anders zu machen.

Auch das war mir auf einer theoretischen Ebene stets bewusst. Ansatzweise habe ich das auch umgesetzt. Aber nur ansatzweise. Für den ersten Entwurf von Brainteaser habe ich, wohlwollend gerechnet, mehr als sechs Monate gebraucht. Für das Überarbeiten bisher ungefähr die gleiche Zeit, weil ich die Phasen des Schreibens und des Überarbeitens einfach nicht sauber genug getrennt habe.

Ich bin mir vollkommen sicher, dass auch das Überarbeiten mit der gleichen Konzentration und dem gleichen Tempo erfolgen kann, wie das Anfertigen des ersten Entwurfs im NaNoWriMo, was bedeutet, dass der Zweite Entwurf, die Alpha-Version, eines Projekts nach zwei Monaten stehen kann, ein fertiges Manuskript somit dann in ungefähr sechs Monaten. Damit würde sich die Arbeitszeit an einem Manuskript für mich ungefähr halbieren, was natürlich großartig wäre.

5. Richtig kontrollieren

Eigentlich weiß ich bereits aus anderen Bereichen, wie förderlich es sein kann, die Dinge, die ich tue, schriftlich festzuhalten, in einer Tabelle oder einem Tagebuch – wenn ich denn ein Ziel wirklich erreichen will. Nur fürs Schreiben habe ich dieses Prinzip nie benutzt, weiß der Geier warum. Wahrscheinlich habe ich mir eingebildet, motiviert genug zu sein, so dass ich nicht zu solchen „Tricks“ greifen muss. Klar, lose habe ich mir Ziele gesetzt, aber sie waren grob, wie: „Mit dem ersten Entwurf bin ich so in drei Monaten fertig.“.

Aber allein sich selbst eine ganz konkrete Deadline zu setzen, an ihr gemessen seine Ziele runterzubrechen, sich ein Tagespensum aufzulegen und dann festzuhalten, wie gut man es erreicht, motiviert und führt dazu, dass man sich nicht in Beliebigkeit verliert. Hier haben die kleinen, schicken Statistiken, die die Website des NaNoWriMo zur Verfügung stellt, für mich wahre Wunder bewirkt.

Das Notieren eines quantitativen Pensums ist kein Stress, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern eine riesige Erleichterung. An manchen Tagen war ich einfach überrascht. „Was, nur noch dreihundert Wörter, um im grünen Bereich zu bleiben? Null Problemo …“

Der wichtigste Faktor dabei ist für mich, dass ich mit dem Festlegen eines Tagespensums und dem Festhalten meiner Produktivität einfach täglich ein kleines Erfolgserlebnis habe, was bei so großen Projekten wie einem 50.000-Wörter-Manuskript sonst einfach in zu weiter Ferne liegt.

Selbst wenn ich mein Tagesziel verpasst hatte (was auch nicht soooo selten vorkam), hatte ich wenigstens Schwarz auf Weiß (oder war es Schwarz auf Türkis …, egal), dass ich immerhin ein paar Hundert Wörter produziert hatte und nicht das diffuse Gefühl, einfach gar nichts Vernünftiges geschafft zu haben.

Nach dem NaNoWriMo brechen also für mich neue Schreibzeiten an, die vor allem darin bestehen, dass ich in Zukunft genau Buch darüber führen werde, wie viel ich am Tag geschafft habe.

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6 Antworten auf “NaNoWriMo 2011, Teil 5: Erfahrungen”

  1. Hallo Marcus Johanus, ich denke, es ist an der Zeit, dass ich wenigstens den Versuch unternehmen, mich gebührend zu bedanken.
    Seit einiger Zeit folge ich nun dir und Axel Hollmann auf Spuren, die ihr vor Jahren hinterlassen habt, in dem Bestreben meinem ersten Romanprojekt in die Wirklichkeit zu verhelfen. Ich denke nicht, dass ihr euch vorstellen könnt, wie sehr ihr mir dabei geholfen habt!
    Es muss erscheinen, wie die Stimme aus dem Off, im Februar 2016 eine Rückfrage zum NaNoWriMo 2011 zu erhalten und ich bin mir gar nicht sicher, ob so eine Anfrage recht ist? Trotzdem halte ich es für hilfreich, zu wissen das auch die alten Dinge für den ein oder anderen von großer Bedeutung sind…

    Zwei Fragen stellen sich mir nach diesem Erfahrungsbericht:
    1. was ist eigentlich aus dem 2011 entstandenen Entwurf geworden? Was sind weiter entwickelt? Wirst du ihn weiter entwickeln? Und…
    2. (vielleicht ein wenig indiskret) warum hat es nach deinem Resümee noch 3 Jahre bis zur Veröffentlichung deines 1. Romanes gedauert?

    Ich weiß gar nicht, ob ich meine Fragen überhaupt erreichen, trotzdem will ich sie hier posten um sie ggf. an anderer Stelle zu wiederholen.

    Liebe Grüße,
    Willi Anders

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    1. Hallo, Willi!

      Danke für diesen wunderbaren Kommentar.

      Zu deinen Fragen:

      1. Bislang habe ich an meinem 2011er NaNoWriMo-Projekt nicht weitergearbeitet. Mal schauen, ob ich das noch einmal tue. Ich mag den Roman eigentlich, aber es steckt da noch viel, viel Arbeit drin. Und ich habe andere Projekte in der Schublade und neue Ideen, die sich leichte rund schneller umsetzen lassen.

      2. Das hatte organisatorische Gründe. Und auch private.

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