Wie man Ablenkungen kreativ nutzen kann

Eigentlich stecke ich ja mitten im Line Editing meines ersten Parzival-Bell-Romans. Eigentlich. Tatsächlich verbringe ich die meiste Zeit, die mir normalerweise fürs Schreiben zur Verfügung steht, damit, das Manuskript von „Auf brüchigem Asphalt“ zu lesen (dem Thriller meines guten Freundes Axel Hollmann) und meine Nase in interessante Bücher zu stecken, die mich zur Zeit nicht loslassen.

Eines dieser Bücher ist der „Schreibstilratgeber“ von Susanne Streckers, das andere ist „The Writer’s Guide to Psychology“ von Carolyn Kaufman. Doch dazu etwas später.

Bis vor kurzem hat es mich unglaublich gefuchst, dass ich mal wieder in der Mitte meines Überarbeitungsprozesses des Romans feststecke und mich vor dem Weiterarbeiten drücke. Ich wurde nervös, unruhig und schlecht gelaunt, war vollkommen unzufrieden mit mir selbst.

Nachdem ich ein paar Tage mit dem Kopf durch die Wand und alles auf einmal wollte („Schnell, schnell, fünfzehn Minuten Axels Roman editieren, dann fünfzehn Minuten meinen, dann fünfzehn Minuten Strecker lesen, dann fünfzehn Minuten Kaufman …“) und ich dabei nur noch mehr frustriert wurde, habe ich einfach mal nichts von alledem getan, mich zurück gelehnt und mich selbst gefragt: „Was zum Teufel machst du da eigentlich? Du verzettelst dich schon wieder. Am Ende machst du nichts richtig und fühlst dich mies. Das weißt du doch besser.“ Und tatsächlich hatte ich das zehrende Gefühl, nur noch auf der Stelle zu treten und nichts mehr zu schaffen.

Gesagt getan, einmal tief durchgeatmet, in mich hineingehorcht und mir die Beschäftigung herausgepickt, zu der mir meine Intuition  riet. Jetzt habe ich wieder großen Spaß bei der Sache und das liegt an einigen neuen Erkenntnissen, die ich in den letzten Tagen gewonnen habe:

1. Ich übe

Ja, gut, ich arbeite nicht an meinem Manuskript. Das bedeutet aber nicht, dass ich es fallen lasse, wie ich in meinen schlaflosen Nächten fürchte, wenn mein Gewissen mich plagt. Im Gegenteil. Eigentlich habe ich große Lust, es weiter zu überarbeiten, aber ich habe auch erkannt, dass ich in der letzten Zeit immer unzufriedener mit meinen Überarbeitungen wurde. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch normal, aber diesen Punkt habe ich meiner Einschätzung nach überschritten. Es hat seinen Grund, wieso sich mir Axels Manuskript aufdrängt und mir zur Zeit wichtiger erscheint als mein eigenes.

Der Gedanke kam mir, als ich neulich einen längeren Kommentar dazu verfasste, in dem ich mich darüber ausließ, was der gute Axel so alles falsch macht. O Mann, habe ich mich ausgelassen. Kinder, Kinder tat mir Axel schon leid. Zu viel „Show“, viel zu wenig „Tell“, Figuren zu flach, zu viele unpassende oder überflüssige Adjektive und Adverbien, Formulierungen zu passiv … das Üblich halt. Und noch während ich schrieb, merkte ich, dass ich genau diese Anmerkungen alle schon einmal irgendwo gelesen hatte. Und zwar bei Axels Anmerkungen zum Alpha-Entwurf von Brainteaser.

Die beschämende Erkenntnis: Ich mache genau die Dinge falsch, die ich Axel unter die Nase reibe. Schlimmer noch. Nach einem Blick in meine aktuellen Überarbeitungen stelle ich fest, dass ich sie noch immer falsch mache, getrau dem Motto, eher sehe ich den Splitter im Auge meines Freundes als den Balken in meinem eigenen.

Keine Ahnung, ob ich nun in Zukunft besser darin werde, diese Fehler zu vermeiden (ich hoffe es natürlich und bin guter Dinge), aber die Erkenntnis allein war es schon wert, eine kleine Pause beim Line Editing einzulegen. Irgendwann ist man halt einfach betriebsblind. Manche Sachen muss man immer und immer wieder um die Ohren bekommen, bis sie endlich in Fleisch und Blut übergehen.

Ich habe für mich erkannt: Ich bin gar nicht abgelenkt, ich schule einfach nur meine eigene Schreibkometenz. Offensichtlich geht das an fremden Texten im Moment besser als man meinen eigenen.

2. Ich studiere

Die beiden Bücher, die ich eine Weile lang parallel und nun, nach meiner kleinen Besinnungspause, konzentriert eines nach dem anderen lese, bilden mich in unterschiedlichen Bereichen fort. Während der „Schreibratgeber“ mich auf den bei mir häufig auftretenden Perspektivfehler des unsichtbaren Erzählers aufmerksam machte (und noch so auf den einen oder anderen Stilfehler, zu denen ich vielleicht später einmal mehr schreibe), lerne ich im „Writer’s Guide to Psychology“ das ein oder andere interessante Detail zum Thema Psychologie, das ja in „Brainteaser“ eine große Rolle spielt.

Kurze Fußnote zu diesem wunderbaren Buch von Carolyn Kaufmann (das es allerdings nur auf Englisch gibt): Es handelt sich dabei um das Buch einer Autorin von Thrillern, die zugleich studierte Psychologin ist und deswegen in einer allgemein verständlichen Sprache, aber auch aus der Perspektive eines Romanschreibers das Thema behandelt. Kurz, aber nicht oberflächlich, wird hier mit vielen Mythen über Psychologie, die in Medien und Gesellschaft bestehen, aufgeräumt und exakt das Wissen an den Mann oder die Frau gebracht, das man zum Schreiben von Romanen benötigt. Darüber hinaus wird einem Autor auch erklärt, warum man sich in bestimmten Situationen wie verhält und wie man auf diesen Theorien aufbauend seine Figuren gestalten kann.

3. Ich regeneriere

Klingt nach einer faulen Ausrede, ist es aber nicht. Vom Laufen habe ich gelernt, dass der eigentliche Trainingseffekt zwischen zwei Trainingseinheiten, in der Regeneration stattfindet. Außerdem gehören zum Laufen viele andere Dinge, die nichts damit zutun haben, dass man sich die Schuhe anzieht und vor die Tür geht. Von der richtigen Ernährung bis hin zum Ausgleichssport und zum Dehnen kann alles zum Training dazu gehören.

In diesem Sinne werte ich die Zeit, die ich nun nicht mit meinem Manuskript verbringe, als Regeneration und Dehnübung für meine Schreibermuskeln, um mich in ein paar Tagen mit frischen Augen und geschärftem Geist wieder „Brainteaser“ widmen zu können, worauf ich mich inzwischen richtig freue, anstatt genervt zu sein. Endlich habe ich gelernt, dass Pausieren auch zum Schreiben gehören kann.

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