Wie man den unsichtbaren Erzähler tilgt

Peinlich berührt sah ich zu Boden und fischte mit einer abwesenden Geste fahrig eine meiner attraktiven, seidigen goldblonden Haarsträhnen aus dem ebenmäßigen Gesicht.

Dieser Satz ist auf so viele Weisen falsch, dass es mich Einiges an Überwindung gekostet hat, ihn zu schreiben. Normalerweise schreibe ich so was Schlimmes ja nicht. Wirklich. Nein. Nie …

Na ja.

Also gut, ich gebe zu, dass ich das eine oder andere Mal etwas entfernt Ähnliches geschrieben haben könnte …

Ja, ich gebe zu, dass ich leider beim Überarbeiten meiner Texte …, ab und zu mal …, vielleicht auch ein bisschen häufiger auf solche und ähnliche Sätze gestoßen bin. Wann immer ich sie entdeckte, kamen sie mir seltsam vor, aber ich konnte nicht genau sagen, was mir an ihnen nicht gefiel, bis ich lernte, dass sich bei mir ein unsichtbarer Erzähler eingeschlichen hat.

Bevor ich kreatives und dramatisches Schreiben lernte, kannte ich den unsichtbaren Erzähler noch gar nicht. Vorgestellt hat ihn mir Susanne Strecker in ihrem „Schreibratgeber: Erfolgreiche Heilung von Adjektivits, Bindewortentzündung & Co„. Ich will das Buch hier nicht ausführlich rezensieren, sondern nur auf den Teil eingehen, der mich am meisten beeindruckt und mir auch am meisten geholfen hat, den diffusen Schwierigkeiten, die ich mit der Perspektive beim Schreiben eines Romans stets hatte, einen Namen zu geben.

1. Wer oder was ist der unsichtbare Erzähler?

Eigentlich ist es ganz einfach, den unsichtbaren Erzähler zu entlarven und zu tilgen, man muss ihn nur kennen. Sehen wir uns den Satz von oben an. Der Ich-Erzähler fischt sich mit einer abwesenden Geste das Haar aus dem Gesicht. Keine große Sache. Nur, wenn die Geste abwesend erfolgt, wie kann er dann davon erzählen? Kann er nicht, also muss jemand anderes davon erzählen, eben der unsichtbare Erzähler.

Genauso verhält es sich mit der seidigen, attraktiven und goldblonden Haarsträhne. So denkt kein Mensch von sich. Vielleicht sehe ich noch in den Spiegel und meine zu mir selbst: „Meine Güte, sind deine Haare grau geworden.“ oder „Verflucht, waren es gestern nicht noch viel mehr Haare?“. Doch die meiste Zeit, sollten Romanfiguren nicht an ihr Äußeres denken und schon gar nicht, wenn sie gerade abwesend sind. (Und nebenbei: auf keinen Fall mit so vielen Adjektiven. Eines reicht. Höchstens.)

„Peinlich berührt sah ich zu Boden.“ ist ebenfalls kein Satz des Ich-Erzählers, sondern einer des unsichtbaren Erzählers. Zunächst einmal ist es ziemlich schwierig „peinlich berührt“ zu gucken. Ich kann peinlich berührt sein. Aber so gucken? Wie sollte dieser Blick eigentlich aussehen? Wenn ich eine Vorstellung davon habe, wie ein peinlich berührte Blick aussieht, sollte ich diesen auch beschreiben, damit der Leser ein konkretes Bild vor Augen hat und selbst zu dem Schluss kommen kann, dass die Figur peinlich berührt ist.

Eigentlich habe ich als Autor an dieser Stelle gar keine konkrete Vorstellung davon, wie genau ein peinlich berührte Blick in der Praxis aussieht (ich jedenfalls habe keinen blassen Schimmer). Und wenn ich schon kein Bild vor Augen habe – welche Chance soll dann der Leser besitzen, sich die Situation vorstellen zu können?

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde mir gar nicht auffallen, dass ich gerade peinlich berührt zu Boden sehe, denn wenn mir etwas peinlich ist, bin ich viel zu sehr damit beschäftigt, diese Peinlichkeit zu verarbeiten, anstatt mir noch Gedanken über meine Außenwirkung zu machen. Nur jemand, der mich ansieht, könnte auf die Idee kommen, dass mein Zu-Boden-Sehen daher kommt, dass mir etwas peinlich ist.

2. Wie finde ich den unsichtbare Erzähler?

Jetzt, da ich den unsichtbaren Erzähler kenne, finde ich es auch nicht weiter schwierig, ihn zu finden und zu tilgen. Ich muss nur meine Texte durchgehen und mich fragen: Kann der Erzähler wirklich wissen, was er gerade mitteilt? Der unsichtbare Erzähler schleicht sich ein, weil ich meine Sache zu gut machen will. Ich will alles so genau wie möglich beschreiben, damit sich der Leser in die Welt, in der sich meine Perspektivfigur bewegt, hinein versetzen kann.

Die Kunst der Perspektive besteht jedoch nicht darin, den Leser mit so viel Informationen wie möglich zu versorgen, sondern darin, ihm exakt die Informationen zu geben, die seine Fantasie dazu anregen, sich das Geschehen vorzustellen. Alles, was nicht durch die Augen und durch das Bewusstsein meiner Perspektivfigur gefiltert werden kann, gehört auf jeden Fall nicht dazu.

Deswegen klingeln beim Überarbeiten bei mir stets die Alarmglocken, wenn ich eine Häufung von Adjektiven finde oder lange Beschreibungen und erzählende Passagen. Meistens ist dies ein Hinweis darauf, dass ich mir einen unsichtbaren Erzähler eingefangen habe, um dem Leser viel zu viel mitzuteilen, was meine Perspektivfigur auch gar nicht wissen kann oder in der Form in der Situation, in der sie sich befindet, nie erzählen oder denken würde.

3. Was ist eigentlich so schlimm am unsichtbaren Erzähler?

Ich kann schon bei einigen das Argumentation wittern: Wenn ich schreibe, ist das doch Kunst, da kann ich machen, was ich will. Wahrscheinlich wird jeder auch bei publizierten Autoren von Weltrang den unsichtbaren Erzähler finden. Vielleicht gibt es auch zeitgenössische literarische, veröffentlichte Schriftsteller, die den unsichtbaren Erzähler kultiviert haben und damit Literaturpreise gewinnen. Darauf habe ich noch nicht geachtet, aber ich könnte es mir vorstellen.

Wer nur für sich schreibt oder es zu seinem Ziel gemacht hat, die Literatur neu zu erfinden, der muss sich über den unsichtbaren Erzähler keine Gedanken machen. Aber der unsichtbare Erzähler ist ein allwissender Erzähler an einer Stelle, an der es keinen allwissenden Erzähler geben sollte. Benutze ich einen personalen Erzähler, suche ich ja gerade diese Perspektive, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, nämlich die Nähe zum Leser, die Einladung zur Identifikation. Und eben diesen Effekt mache ich durch den unsichtbaren Erzähler wieder zunichte.

Der unsichtbare Erzähler ist ein allwissender Erzähler, der sich beim personalen Erzähler einschleicht. Mit anderen Worten: Es handelt sich bei ihm um einen Perspektivfehler.

4. Wann kümmere ich mich um den unsichtbaren Erzähler?

Für mich war es beim Schreiben lernen eine wichtige Erkenntnis, dass jeder Arbeitsschritt seine Zeit hat. Der unsichtbare Erzähler gehört zu den Sünden eines Manuskripts, die unverzeihlich sind.

Andererseits werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit nie einen ersten Entwurf meines Romans fertigstellen können, wenn ich mich in jeder Szene und jedem Satz frage, ob ich einen Perspektivfehler gemacht habe oder nicht. Deswegen gehört das identifizieren und tilgen des unsichtbaren Erzählers in die Überarbeitungsphasen, nicht in die Schreibphasen und schon gar nicht in den ersten Entwurf.

Advertisements

18 Gedanken zu “Wie man den unsichtbaren Erzähler tilgt

  1. Danke für diesen Artikel! Ich habe es quasi zu meinem Markenzeichen beim Schreiben gemacht, selbst in der dritten Perspektive extrem im Protagonisten zu bleiben. Da ist es besonders peinlich, wenn sich so ein unsichtbarer Erzähler einschleicht.
    Es bestärkt mich noch mal, beim Schreiben noch penibler darauf zu achten, als ich es jetzt bereits tue – denn leider schlüpft er mir nach wie vor gelegentlich rein.

    Gefällt mir

  2. Hi Marcus

    Ich lese grade „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ und bin genau an der Stelle, an der Frey auf die Perspektive eingeht. Das macht mir ehrlich gesagt ziemliche Sorgen, dieses Thema meine ich. Genauso wie andere „Überarbeitungsthemen“. Da Standard-/Schriftdeutsch nicht wirklich meine Muttersprache ist ergeben sich da grammatikalische Fallstricke die dir sicher zweimal schon keine Probleme mehr bereiten.
    Mal schauen wie das wird …
    Nichtsdestowenigertrotz finde ich den Artikel – es wird ja schon langsam langweilig – sehr gelungen. Locker, ziemlich knapp und lehrreich. Hätte ich mal so einen Deutschlehrer gehabt. 😉

    Gruss
    Marc

    Gefällt mir

    • Also, mir wird es nicht langweilig 🙂 Vielen Dank für das Lob.

      Perspektivfehler sind eigentlich keine Grammatik- sondern eher eine Logik-Frage. Ich würde mir da keine Sorgen machen. Auf die Dauer kommst du zwar nicht drum herum, dich mit Grammatik zu beschäftigen, aber niemand sagt ja, dass du das alleine tun musst. Es gibt bestimmt irgendwo in deinem Umfeld jemanden, der wenigstens ein gutes Sprachgefühl hat und dich entsprechend beraten kann und will.

      Gefällt mir

  3. Also grundsätzlich muss man natürlich aufpassen, aber in Bezug auf Logik sehe ich hier: “Peinlich berührt sah ich zu Boden.”, keinen Fehler. Peinlich berührt ist eine Empfindung, die die Person veranlasste zu Boden zu schauen, um der andere Person nicht das hochrote gesicht zu zeigen, hochrot, weil vor Scham ihr die Röte ins Gesicht gestiegen ist. Das „Peinlich berührt“ bezieht sich also nicht auf die Art des Blickes.

    Insgesamt wäre es vielleicht auch sinnvoll gewesen, sich insbesondere die detaillierte Rezension von Bluegirl anzusehen. Vermutlich wäre dies erhellend gewesen.

    Gefällt mir

  4. Vielen Dank für diesen entschiedenen Artikel zur Erzählperspektive. Sie bereitet mir gerade einiges an Kopfzerbrechen. Auf der einen Seite schreiben ein paar meiner Liebingsautoren (wie Anthony Horrowitz oder Terry Pratchett) gerne einmal mit wechselnden Perspektiven. Dh. Pratchett beschreibt die Stadt, in der seine Handlung angesiedelt ist, dann ein bestimmtes Viertel und wendet sich dannach erst der Perspektive einer bestimmten Figur zu. Diese Perspektivenwechsel ziehen sich für gewöhnlich durch den ganzen Roman und ich liebe sie sehr, weil sie wie in einem Prisma die verschiedenen Handlungsorte einfangen und die Fäden der Geschichte miteinander verweben.
    Andererseits raten zahllose Schreibratgeber (und zumindest auch einige Leser) genau davon ab. Ist es tatsächlich ein unverzeihlicher Fehler den Fokus von der Umgebung auf die Figur zu verlagern und dabei natürlich zwangsläufig die Perspektive zu wechseln? Oder fällt das unter die Perspektive des „allwissender Erzähler“? Zumal Pratchett (um beim Beispiel zu bleiben) natürlich in der dritten Person schreibt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie ein bisschen Licht in mein Dunkel bringen.
    Viele Grüße, Anna

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s