James Dashner: Die Auserwählten im Labyrinth

Thomas erwacht und weiß nicht, wo er ist und wer er ist. Er ist in einer Box, die sich bald als eine Art Fahrstuhlkabine entpuppt. Als er sie verlässt, befindet er sich in der Gesellschaft von fünfzig männlichen Teenagern, ungefähr in seinem Alter, die ihm auch nicht sagen können, wer er ist und woher er kommt.

Und es wird noch seltsamer.

Die Teenager leben auf einer Lichtung, umgeben von einem riesigen, steinernen Labyrinth. Nachts schließen sich die Tore zum Labyrinth, was gut ist, denn dann kommen die Greaver – unförmige Gallertmonster mit metallischen Gliedmaßen und Waffen.

In regelmäßigen Abständen kommen mit der Box Lebensmittel und andere Gegenstände des täglichen Bedarfs. Als sich kurz nach Thomas‘ Ankunft die Box ein weiteres Mal öffnet, ist darin weder Nahrung, noch Werkzeug, sondern zum allersten Mal ein Mädchen. Sie hat einen Zettel in der Hand, der eine Botschaft verkündet, die sich schnell bewahrheitet: „Von nun an wird alles anders.“

So ungefähr beginnt der spannendsten Jugendroman, den ich seit Dan Wells‘ „Ich bin kein Serienkiller“ gelesen habe. „Die Auserwählten im Labyrinth“ ist eine Mystery-Geschichte, wie sie sich jeder Fan des Genres wünscht. Nahezu alles ist zu Beginn rätselhaft und der Leser erfährt durch Thomas‘ Augen eine Welt, die ihn genauso verwirrt, wie die Figuren des Romans. Und am Ende ist alles anders, als man es zu Beginn vermutet.

Figuren, Plot und Setting von Dashners Jugendroman sind eine Mischung aus „Herr der Fliegen“, LOST, Brazil, „The Matrix“ und 1984. Dabei ist das Genre des Romans schwer zu bestimmen, denn in praktisch gleichen Teilen mischt Dashner Horror-, Fantasy- und Science-Fiction-Elemente zu einer fesselnden Geschichte. Man bekommt das Beste aus allen drei Welten.

Auch aus der Autorenpersepektive ist der Roman interessant. Dashners Stil ist eher unspektakulär, sehr sauber, ganz im Dienste des Plots, ohne die Aufmerksamkeit zu sehr auf die Sprache zu lenken. Für meinen Geschmack benutzt er hier und da zu viele Adjektive und Adverbien und erklärt damit zu Vieles, das der Leser sich auch selbst denken kann. Da jedoch erzählende und beschreibende Passagen zugunsten von Dialogen in den Hintergrund treten, die Dashner packend gestaltet, fällt dies nicht weiter ins Gewicht.

Am interessantesten ist für mich die Perspektive des Romans. James Dashner wählt einen personale Erzähler (oder auch „Third person limited). Er nutzt dabei jedoch nicht die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Perspektiven hin und her zu springen, wie es meistens üblich ist, sondern erzählt die Handlung ausschließlich aus der Sicht von Thomas und verzichtet auf Sub- und Metaplots. Zunächst habe ich gedacht, dies sei eine verpasste Gelegenheit, einen Ich-Erzähler zu verwenden. Aber je länger ich den Roman las, desto mehr gewöhnte ich mich an die Perspektive und lernte ihre Vorteile zu schätzen.

Der Ich-Erzähler (oder auch „First person limited“) birgt Risiken. Erstens gibt es einfach viele Leser, die die Perspektive nicht mögen, so dass man als Autor riskiert, von vornherein Leser zu vergraulen, die nach einem kurzen Blick auf den Text das Buch auf dem Ladentisch liegen lassen. Zweitens muss ein Ich-Erzähler auch ausgeschöpft werden. Die Stimme der Figur, aus deren Perspektive erzählt wird, muss genau getroffen und vor allem durchgehalten werden. Und drittens verführt die Perspektive dazu, die Regel „Show don’t tell“ zu vernachlässigen.

Auf den ersten Seiten (okay, ich hab mir das Hörbuch geholt, also besser: in den ersten Minuten) habe ich Dashners Erzählperspektive noch als Faulheit empfunden. Mit der Zeit habe ich aber gedacht: wieso nicht? Wieso soll Dashner es nicht sich und dem Leser leicht machen? Wozu einen Ich-Erzähler riskieren, wenn es auch anders geht. Und dann wurde ich ein wenig neidisch, da ich ja meinen ersten Parzival-Bell-Roman in „First person limited“ erzähle und es mir dabei teilweise ganz schön schwer mache.

Dashners Entscheidung ist klug, auch wenn er sie wohl eher unbewusst getroffen hat. Wie so viele Autoren ist auch James Dashner inzwischen ein Schriftsteller zum Anfassen. Neben Gastauftritten bei „Writing Excuses“ hat er seit kurzem seinen eigenen Podcast „Wordplay„, wo er neulich verraten hat, dass die Entscheidung für die Perspektive von „Die Auserwählten im Labyrinth“ intuitiv getroffen habe.

Herzichen Glückwunsch zu der Intuition. Ich hätte sie auch gerne besessen. Denn der Erfolg von „Die Auserwählten im Labyrinth“ (im Original wesentlich passender „The Maze Runner“), lässt sich bestimmt auch auf die Perspektiv zurückführen, weil sie nämlich den eigentlichen Star des Romans am besten in Szene setzt. Und dieser ist keineswegs die Hauptfigur, durch dessen Augen die Handlung erzählt wird, sondern der Plot selbst. Jeglicher Schnickschnack würde hier nur ablenken und den Leser verschaukeln, dass es in dem Roman um mehr gehe. Das macht wohl den routinierten Jugendbuchautor aus: Er weiß, wenn vielleicht auch unbewusst, dass weniger mehr ist und kann sich auf das konzentrieren, was das Besondere seines Werks ausmacht.

Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass „Die Auserwählten im Labyrinth“ der Auftakt einer Trilogie ist. Im Original ist sie bereits abgeschlossen, auf die Übersetzung muss man wohl noch eine Weile warten, was für manche ein wenig anstrengend sein könnte. Ich habe damit keine Schwierigkeiten, denn Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude, aber  man sollte vielleicht schon wissen, bevor man mit dem Lesen des Romans beginnt, dass am Ende eher mehr Fragen offen sind, als beantwortet werden.

P.S.: Wie bereits erwähnt, habe ich mir den Roman als Hörbuch genehmigt, wozu ich nur raten kann. David Nathan als Sprecher ist eine hervorragende Wahl, nicht nur, weil er ein sehr guter Schauspieler ist, der dem Text viel Atmosphäre verleiht, sondern weil ich ihn auch von den Lovecraft-Hörbüchern her kenne. Sehr passend, wie ich finde, denn „Die Auserwählten im Labyrinth“ besitzt neben allem anderen auch eine gute Prise Lovecraft-Atmosphäre.

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7 Antworten auf “James Dashner: Die Auserwählten im Labyrinth”

  1. Klingt spannend. Ich steh ja total auf solche „Ihr habt keine Ahnung wo ihr seid und was los ist“ – Szenarien. Leider ist das Hörbuch in der Bibliothek die nächsten zwei Wochen ausgeliehen 😦 Aber David Nathan als Leser ist immer gut.

    Was die Perspektiven angeht hadere ich momentan mit mir selbst über meiner Geschichte: Wie bezeichnet man in der 3rd-Person einen Protagonisten, der erstmal keinen Namen haben soll, ohne ständig auf Er/Sie zurückzugreifen, oder ungelenkte Beschreibungen zu benutzen? Sowas geht in der 1st-Person leichter, wenn man immer auf das „Ich“ zurückgreifen kann.

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    1. Schwer zu sagen. Vielleicht postest du mal im Kommentar ein Stück Text, mit dem wir arbeiten können. Die grundlegende Frage ist: Hast du eine personalen oder einen allwissenden Erzähler. Ist er allwissend, hast du keine Probleme, denn dann kannst du die Figur nach Herzenslust von außen beschreiben. Allerdings ist diese Perspektive heutzutage eher ungewöhnlich.

      Beim Personalen Erzähler würde ich einfach so viel wie möglich in Dialoge oder innere Monologe verlagern. Das ist sowieso spannender als lange Beschreibungen.

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  2. Hallo,

    @Gregor: Gib ihm irgendein Merkmal „der Glatzkopf“, „der Typ in dem viel zu weitem Mantel“, „der Kerl mit dem traurigen Blick“.

    Zum Dashner: Das Hörbuch hatte ich auch einmal – hm – gehört. Bis zu dem Mädchen im Aufzug bin ich nicht gekommen. Hatte mich schon vorher gelangweilt. Nach der positiven Rezi werde ich es aber noch einmal versuchen. Vielleicht war ich ja nur schlecht drauf. Danke für den Tipp!

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  3. Also, ich habe mir das Hörbuch aus der Bibliothek besorgt und bin jetzt Anfang der zweiten CD. Allerdings habe ich nicht wirklich Lust weiter zu machen. Irgendwie fängt mich die Handlung nicht besonders. Thomas als Protagonist ist mir einfach nur unsympathisch. Er ruft bei mir eine ziemliche Abneigung hervor, was ihn sicher zu einem gut geschriebenen Charakter macht, aber ich möchte trotzdem, dass er irgendwo im Labyrinth verschwindet und nicht mehr auftaucht 🙂

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    1. Tut mir Leid, dass es dir der Dashner nicht gefallen hat. Vielleicht hätte ich deutlicher in meiner Rezension darauf eingehen sollen, dass „Die Auserwählten im Labyrinth“ wirklich ein plotorientierter Roman ist. Die Figuren spielen nur eine Nebenrolle, das ist schon richtig.

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