Texte gründlich überarbeiten, Teil 2: Line Editing

Ist das Triage Editing abgeschlossen, kann ich zum zweiten Teil des Überarbeitungsprozesses kommen, dem Line Editing (zu Deutsch: sprachlich-stilistische Überarbeitung, aber Line Editing gefällt mir einfach besser).

1. Stilübung

Um meine Intuition zu schulen, mache ich vor dem Line-Editing ein paar Stilübungen, wie beispielsweise James N. Frey sie empfiehlt: Ich greife mir einen Autor, den ich gerne mag und den ich für vorbildlich halte, und schreibe ein paar Seiten von ihm ab. Anschließend schreibe ich den gleichen Text nach einer Pause noch einmal aus dem Gedächtnis. Danach nehme ich mir einen anderen Autor und wiederhole die Übung.

2. Füllwörter tilgen

Beim ersten Schritt des Line-Editings wende ich mich überflüssigen Wörtern zu. Das sind Dinge wie: jedoch, doch, dann, da, schließlich usw. Das ist ein ganz einfacher Schritt, denn ich werfe einfach die Suchfunktion des Textverarbeitungsprogramms an und lösche diese Wörter unbesehen. Sicher, an manchen Stellen werden sie fehlen, aber meiner Erfahrung nach kann ich zu ca. 90% darauf verzichten. Fehlt ein Füllwort, werde ich das dann beim Lesen schon merken und wieder einfügen.

3. Laut lesen

Als Nächstes lese ich das Kapitel, das ich gerade bearbeite, laut. So merke ich am ehesten, wenn ich mich zu weit von der gesprochenen Sprache entfernt habe oder andere Ausdrucksfehler begangen habe. Gerade für die Dialoge ist das natürlich sehr wichtig. Ich merke so auch, ohne großartig analysieren zu müssen, ob der Text Atmosphäre, Rhythmus und Tempo hat.

4. Kapitel straffen

Bevor ich die Kürzungsorgie starte, frage ich mich, ob das Kapitel insgesamt noch straffer sein muss. Ich folge dabei David Mamets (Drehbuchautor z.B. von „Die Unbestechlichen“ oder „Wag the Dog“) Tipp „In late, out early.“, was so viel bedeutet, wie: „Beginne ein Kapitel so spät wie möglich, bevor die Action losgeht, und ende so früh es geht, nachdem sie aufhört.“

Anschließend frage ich mich noch einmal Satz für Satz, Wort für Wort, ob ich das Geschriebene denn wirklich brauche. Beides geht meistens mit dem lauten Lesen Hand in Hand.

5. Lange Sätze kürzen

Ebenfalls noch beim lauten Lesen: Komplizierte Verschachtelungen von Haupt- und Nebensätzen haben in flüssigen Texten nichts zu suchen. Es gibt da keine Regel für mich. Manchmal können auch lange Sätze gut lesbar bleiben. Aber ich versuche immer, den Satz zu finden, der mit den wenigsten Worten das meiste sagt.

6. Dialoge personalisieren, straffen und Bedeutung verleihen

Der letzte Schritt, den ich erledige, während ich den Text laut lese: Nach spätestens fünf Sätzen, die eine Figur spricht, überlege ich mir, ob das wirklich sein muss. Kann sich die Figur auch kürzer fassen? Kann ich aus dem langen Monolog besser einen Wortwechsel machen?

Außerdem überprüfe ich durch das Vorlesen, ob auch tatsächlich jede Figur ihre eigene Stimme hat. Hat sie Lieblingswörter, bevorzugt sie bestimmte Sätze und spricht sie so, wie man es von jemandem in der Rolle und der Situation erwartet?

Bei einem Dialog muss ich stets im Auge behalten, dass es nicht nur eine reine Informationsebene gibt, sondern auch immer eine Beziehungsebene. Einerseits dienen Dialoge dazu, dem Leser Informationen zu liefern, indem die Figuren sich austauschen. Gleichzeitig erfährt aber der Leser mit der Art und Weise, in der eine Figur spricht, vieles über sie und ihr Verhältnis zu anderen Figuren.

7. Passivkonstruktionen tilgen

Das ist leicht: „Die Tür wurde von mir geöffnet.“ ist wesentlich sperriger als: „Ich öffnete die Tür.“ Fast immer werden Passivkonstruktionen in den Aktiv umformuliert.

8. Adverbien und Adjektive aussortieren

Ebenfalls leicht: „Ich ging laut die Treppe runter.“ ist weniger sinnlich als „Ich polterte die Treppe runter.“ Mit Adverbien und Adjektiven mache ich es ähnlich wie mit Füllwörtern. Ich lösche sie einfach erst einmal unbesehen. Fehlt mir dann beim erneuten Lesen was, überlege ich, wie ich das Gleiche ohne Adverb oder Adjektiv sagen kann.

9. Wiederholungen ausfindig machen und streichen

Wiederholungen entstehen sowohl auf der Wort-, Satz- wie auch auf der Inhaltsebene. Sage ich das Gleiche mehrmals, nur ein bisschen anders? Verwende ich ein bestimmtes Wort zu oft? Sobald ich bei einem einzelnen Wort den Eindruck habe, dass es in einem Kapitel zu häufig auftaucht, schmeiße ich die Suchfunktion an. Zeigt es mir das Wort dreimal oder mehr, dann habe ich ein Problem.

Auch Satzanfänge innerhalb eines Absatzes sollten nicht immer gleich sein. Wenn jeder Satz mit „Ich“ anfängt, ist das zwar der Perspektive geschuldet, aber trotzdem nicht schön. Manchmal kann das gut sein. Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel und sollte dann auch sehr bewusst erfolgen.

10. Vergleiche, Metaphern, Erzählstimme, Erzählsituation und andere Stilmittel

Metaphern und Vergleiche, die die Perspektivfigur (der Erzähler) verwendet, sollten auch dazu dienen, ihn zu charakterisieren. Ein Ornithologe wird versuchen, Ereignisse in seinem Leben mit der Vogelwelt zu vergleichen („Ihr Hut war so bunt wie das Gefieder eines Pfaus.“), ein Lehrer denkt automatisch in schulischen Kategorien („Im Zug herrschte ein Chaos wie in einer siebten Klasse kurz vor Ende des Schultags.“) usw.

Die Erzählstimme muss in jedem Kapitel gleich sein. Welche Worte benutzt mein Erzähler gern? Wie drückt er sich gegenüber anderen aus? In welchen Mustern denkt er?

11. Show don’t tell

Zeigen, statt nur behaupten:„Sie zog ihre Augenbrauen zusammen, legte ihre Stirn in Falten und schürzte die Lippen.“ ist anschaulicher und lässt dem Leser mehr Platz für eigene Interpretationen, als „Sie guckte böse.“ Mehr zu Show don’t tell gibt es hier.

12. Absätze strukturieren

Es klingt selbstverständlich, doch Absätze sollen gut überlegt sein. Einerseits gibt es dazu eine rein formale Überlegung: Sie dürfen nicht zu lang sein. Gleichzeitig muss ein neuer Absatz natürlich auch inhaltlich gerechtfertigt sein.

Sehr, sehr sparsam gilt es meiner Meinung nach, mit Absätzen umzugehen, die nur einen Satz lang sind. Das ist zwar sehr effektvoll, weil dieser eine Satz natürlich eine große Bedeutung erhält. Benutze ich dieses Stilmittel zu oft, wirkt das jedoch bemüht und verliert seinen Effekt schnell. Außerdem muss dieser eine Satz seine besondere Stellung natürlich auch rechtfertigen. Wenn ich ihn schon so ausstelle, muss er auch ansehnlich sein.

Ähnliches gilt für sehr lange Absätze. Ich finde nicht, dass sie verboten sind. Aber wenn ich sie einsetze, müssen sie auch entsprechend spannend sein.

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15 Antworten auf “Texte gründlich überarbeiten, Teil 2: Line Editing”

  1. Hallo,

    hab den Artikel schon vor ein paar Tagen gelesen, jetzt komm ich mal dazu, auch was zu schreiben. Schöne Zusammenfassung, werde ich mir bestimmt ausdrucken und irgendwo für meine nächste Überarbeitung hinlegen. Danke, für die Mühe.

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  2. Die Vorschläge sind wirklich gut – nur, dass Schöne ist, sie sind in Papyrus Autor schon enthalten – und das unter anderem, weil Andreas Eschbach am Programm mitgearbeitet hat. Die „Stilanalyse“ ist einmalig – und mit eigenen Vorgaben ergänz- oder -änderbar.
    Aber ich verspreche, noch einmal werde ich heute nicht von dem Programm schwärmen. Aber gebookmarked hab ich Deinen Blog selbstverständlich auch. Nuuna

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    1. Du kannst hier so oft und so viel von Papyrus schwärmen, wie du lustig bist. Ich finde das gut.
      Vielleicht magst du meinen Blog ja per E-Mail oder RSS abonnieren? Dann verpasst du keine neuen Artikel. 🙂

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  3. Als Leser ist mir ein einfaches „Sie guckte böse“ lieber als die umständliche Beschreibung. Ich finde, man sollte Show, don’t tell nicht auf so etwas reduzieren. Viel mehr steckt in der Metapher-Kategorie Hinweise, wie man Show, don’t tell zu interpretieren hat.

    Manchmal haben diese Füllwörter wie schließlich, doch auch eine Funktion, nämlich für eine schöne Sprachmelodie zu sorgen. Man sollte sie nicht zu häufig anwenden.

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