Wozu eine Alpha-Leserin gut ist

Auch wenn es danach klingt: Die Alpha-Leserin hat nichts mit dem Alpha-Tier zu tun. Eher im Gegenteil. Aber eines nach dem anderen … Für mich ist eine Alpha-Leserin jemand, den ich darum bitte, meinen Entwurf in einem frühen Stadium – also in einer Alpha-Version – zu lesen.

Es ist für mich sehr, sehr wichtig, meine Texte so früh und so häufig wie möglich mit anderen durchzugehen. Ich werde sehr schnell betriebsblind für Fehler. Noch schlimmer: Ich übersehe gerne meine Stärken. Um beides zu verhindern, begleitet mich im unmittelbaren Entstehungsprozess meine Schreibgruppe. Hier diskutiere ich aktuelle Schwierigkeiten und lasse mir die Seele massieren, wenn ich mal wieder unter dem „Alles ist nur Müll und ich bin ein unfähiger Schreiber“-Syndrom leide.

Irgendwann ist es jedoch an der Zeit, die Schutzzone Schreibgruppe zu verlassen und den Entwurf auch anderen Menschen zu zeigen, die nicht unbedingt selbst Romanschreiber sind. Hier kommt die Alpha-Lerserin ins Spiel. Doch woher weiß ich, wann dieser Punkt erreicht ist – und was genau hat eine Alpha-Leserin eigentlich zu tun?

1. Wenn die Zeit reif ist, ist sie reif …

Ein Entwurf befindet sich für mich im Alpha-Stadium, wenn ich das Triage Editing abgeschlossen habe. Wichtig ist dabei, einerseits nicht zu perfektionistisch zu sein, was schwierig ist, denn natürlich hat mein innerer Kritiker stets etwas zu meckern und es gibt ja auch immer Dinge, die eigentlich noch besser sein könnten. Andererseits muss irgendwann auch der Punkt erreicht sein, an dem es mal gut ist, sonst dauert das Triage Editing ewig und ich werde nie fertig.

Meine Lösung nenne ich das Konzept des fließenden Abgabetermins. Ich setze mir selbst ein Datum, an dem ich fertig sein will. Ich abreite zunächst drauf los. Sobald sich das Gefühl einstellt, dass ich einen guten Rhythmus gefunden habe, schätze ich ab, wie lange ich noch für die Arbeitsphase brauchen werde. Hier ist wiederum der Schlüssel zum Gelingen die innere Einstellung. Der Termin darf nicht in Stress ausarten, weswegen ich mir auch gestatte, ihn aus triftigen Gründen ein wenig nach hinten zu verschieben. Ich darf ihn aber auch nicht einfach unbegrenzt verschieben, denn dann wird er sinnlos. Ein Balanceakt, den ich aber ganz gut hinbekomme.

2. Die Form eines Alpha-Entwurfs

Mein Alpha-Entwurf ist nicht der allererste Entwurf, wie man dem Namen nach vermuten könnte, sondern ein zweiter. Mein Entwurf für die Alpha-Leserin muss bereits als Roman erkennbar sein, ist aber noch lange nicht fertig. Für mich ist ein Entwurf bereit für meine Alpha-Leserinnen, wenn die Handlung in ihren Einzelheiten steht, aber noch nicht alles perfekt ausformuliert ist, also das Line Editing und das Dialogue Editing noch bevorstehen (was diese beiden Arbeitsphasen für mich bedeuten, kläre ich in Zukunft, wenn ich in ihnen stecke, aber die Namen sprechen eigentlich auch für sich).

Ich arbeite also streng nach Phasen getrennt. Der Plot ist für mich das Gerüst des Textes. Deswegen muss er fertig sein, bevor ich mich daran mache, aus dem bisher eher achtlos dahin geschriebenen Text auch gute Prosa zu machen. Dialoge, Beschreibungen usw. habe ich zwar bereits formuliert, damit erkennbar ist, welche Form der Roman am Ende haben soll, aber sprachlich ist das alles noch kein gutes Deutsch, geschweige denn Literatur. Das ist in diesem Stadium aber auch nicht nötig.

Für den Alpha-Entwurf ist nur wichtig, dass die Details der Handlung alle plausibel aufeinander aufbauen und alles so weit formuliert ist, dass die Alpha-Leserin einen Vorgeschmack auf den späteren Roman erhält (Perspektive, Erzählsituation, Erzählstimme, Atmosphäre und Stil werden also bereits angedeutet).

3. Die geeignete Alpha-Leserin

Gute Alpha-Leserinnen zu finden, ist schwierig. Für mich muss eine Alpha-Leserin jemand sein, der selbst kreativ arbeitet. Idealerweise schreibt sie auch, aber das muss nicht sein. Eine Alpha-Leserin muss meiner Meinung nach auch keine Literaturwissenschaftlerin sein. Sie muss einfach nur einen Blick für Unfertiges haben.

Nur wer selbst künstlerisch tätig ist, weiß, dass der Schaffensprozess verschiedene Phasen und Entwicklungsstufen besitzt. Menschen, die das nicht selbst erfahren, glauben oft, dass ein Schreiber mit dem ersten Satz eines Romans beginnt und bis zum letzten Satz den Text tippt, um ihn danach sofort seinem Verleger zu schicken. Gestützt wird dieses Gerücht von abstrusen Heldengeschichten mancher Schreiber, die behaupten, ihren Bestseller an einem Wochenende geschrieben zu haben.

Ich bezweifle solche Legenden eigentlich immer. Und jedes Schreibbuch, jedes Gespräch mit anderen Schreibern und auch die Biografien der meisten Autoren, die ich kenne, bestätigen, dass Schreiber stets lang und hart um ihre Texte ringen und eher wie ein Bildhauer, der Schicht um Schicht seines Kunstwerks aus dem Steinblock freischlägt, Entwurf um Entwurf produzieren.

Und in solchen verschiedenen Schichten muss mein Entwurf beurteilt werden. Ich brauche für meinen Alpha-Entwurf praktisch einen Perlentaucher, der in meinen Text abtaucht, die kleinen, glänzenden Prunkstücke an die Oberfläche holt und den ganzen schmuddeligen Algenkram auf der Oberfläche wegschiebt.

Vollkommen ungeeignet als Alpha-Leserin sind Erbsenzähler und Rechtschreib- und Grammatikfanatiker. Nichts gegen Erbsenzähler, die werden später beim Lesen des Beta-Entwurfs sehr, sehr wichtig – also dem Entwurf, in dem die Sprache auf Hochglanz poliert werden muss. Nur fehlt solchen Leserinnen der Blick für das Potenzial eines Textes. Zeigte ich einer qualifizierten Beta-Leserin einen Alpha-Entwurf, würde sie den Ausdruck mit roter Farbe überfluten, was für sie unnötig viel Arbeit bedeutete und mir nur wenig nutzen würde, denn mir ist ja bewusst, dass der Text sprachlich noch nicht perfekt ist.

Auf gar keinen Fall darf der Alpha-Entwurf einer Test-Leserin in die Hände fallen, also einer Leserin, die den Roman zu lesen bekommt, wenn er praktisch fertig ist. Die Test-Leserinnen sind weder Perlentaucher noch Sprachwissenschaftler, sondern leidenschaftliche Romanleser, die sich für den Schaffensprozess selbst herzlich wenig interessieren – und das ist auch gut so. Eine Test-Leserin könnte jedoch mit einem Alpha-Entwurf gar nichts anfangen, wäre nur irritiert und würde den Text vollkommen zu Recht gelangweilt weglegen.

Fazit: Alles zu seiner Zeit

Das Überarbeiten in Phasen und das sorgfältige Auswählen der entsprechenden Leserinnen ist für mich sehr, sehr wichtig. Die  verschiedenen Phasen bewirken eine Konzentration auf jeweils andere Aspekte des Textes. Je besser ich die Leserinnen aussuche und je strenger ich mich an die einzelnen Phasen halte, desto mehr Zeit spare ich, desto konzentrierter kann ich an Plot, Figuren und der Sprache eines Textes arbeiten und desto effizienter gehe ich letztendlich mit Kritik und mit meiner Energie um, die mir für das Schreiben zur Verfügung steht.

Tipp: Wer des Englischen mächtig genug ist, erfährt mehr über „Alpha Readers“ in dieser Folge des Podcasts Writing Excsuses.

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2 Antworten auf “Wozu eine Alpha-Leserin gut ist”

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