Texte gründlich überarbeiten, Teil 1: Triage Editing

Obwohl ich Texte detailliert plane, bevor ich mit dem ersten Entwurf beginne, fällt mir während des Schreibens noch Vieles ein. Das ist einerseits sehr gut, denn fast immer sind die neuen Ideen besser als die alten. Nur ist der erste Entwurf dann ein Flickenteppich, bei dem ein Kapitel kaum zum anderen passt. Während der Protagonist zu Beginn noch rote Haare hatte, hat er zwischendurch mal schwarze, am Ende vieleicht blonde. Nicht, weil ich mir nicht merken kann, welche Haarfarbe er hat (okay, manchmal auch das), sondern weil sich mein Bild von ihm – trotz aller Planung – während des Schreibens verändert.

Die meisten Dinge, die nicht mehr zusammenpassen, sind nicht entscheidend, sondern viele kleine Details, die hier und da die Spannung erhöhen, etwas anschaulicher machen oder einen Konflikt auf die Spitze treiben. Trotzdem: Das kann alles nicht so bleiben, denn der Leser erwartet zurecht einen Text, bei dem eine Information auf der anderen folgerichtig aufbaut und die Figuren sich nicht sprunghaft und ohne erkennbare Motivation oder entgegen alle Naturgesetzte verändern.

Der Text braucht also nach dem ersten Entwurf Überarbeitung. Fachlich ausgedrückt: Ich sitze an dem sogenannten Triage Editing.

1. Mehr Struktur durch Karteikarten

Zunächst nehme ich mir Karteikarten vor – unverzichtbares Handwerkszeug für Schreiber, wenn man mich fragt – und halte für jedes Kapitel fest,

  • was diese Figuren darin empfinden, wollen und tun,
  • welche Informationen der Leser bekommt und vor allem,
  • welche dramatischen Fragen durch den Text aufgeworfen werden, die in späteren Kapiteln unbedingt beantwortet werden müssen.

Sicherlich, das habe ich, bevor ich mit dem Schreiben des ersten Entwurfs begonnen habe, alles schon einmal getan, aber da ich unterwegs ja so viel improvisiert habe, kann ich die alten Karteikarten getrost wegschmeißen (mehr zum Plotten mit Karteikarten erfährst du hier).

Wichtig: Ich halte auf den Karten nicht die Kapitel fest, wie sie zur Zeit sind, sondern, wie sie nach dem aktuellen Stand der Dinge sein sollten. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand entwickle ich so für jedes Kapitel eine Übersicht der Dinge, die geändert werden müssen.

2. Details, Details, Details

Nun beginnt die eigentliche Detailarbeit. Während das Schreiben eines ersten Entwurfs noch viel Spaß macht, weil ich den Eindruck habe, mich auf einer leeren Leinwand austoben zu können, ist das Triage Editing nervenaufreibend, wie ein Puzzlespiel, bei dem Teile fehlen. Figuren und Plot werden nun vollendet, das heißt aber nicht, dass der Text insgesamt bereits fertig wäre. Sprachlich beispielsweise liegt noch tonnenweise Arbeit vor mir. Metaphern funktionieren nicht, die falschen Verben bezeichnen die richtigen Dinge, Adverbien und Adjektive müssen getilgt werden, Sätze sind zu lang, Dialoge unglaubwürdig usw.

Es juckt mir in den Fingern, alles auf einmal zu ändern, denn natürlich will ich den Text auf allen Ebenen so gut wie möglich machen und der Gedanke „Was? So einen Quark hast du geschrieben? Das ist ja furchtbar! Schnell ändern, bevor es jemand sieht!“ spukt mir praktisch bei jedem Handgriff im Kopf herum. Aber ich muss mich an dieser Stelle zusammenreißen.

So lange die Handlung nicht stimmt, Spannung fehlt und dramatische Fragen unbeantwortet bleiben, die Figuren nicht rund sind und der Informationsfluss für den Leser nicht funktioniert, ist es vergeudete Zeit und Energie, mich mit sprachlichen Details aufzuhalten. Nachher ändere ich noch einen Absatz, bis er große Literatur ist, muss ihn später aber löschen, weil er gar nicht mehr zur Geschichte passt.

3. Der Verzweiflung nach dem ersten Drittel überwinden

Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass dieser Punkt kommt, aber er erwischt mich immer wieder eiskalt. Die Karteikarten sind geschrieben, der Masterplan liegt vor mir und ich mache mich begeistert ans Werk. Die ersten zehn, vielleicht zwölf Kapitel, also ungefähr bis zum ersten Drittel des Entwurfs, geht alles wie geschmiert. Und dann kommt der Hammer.

Alles passt nicht zusammen, in entscheidenden Kapiteln ist viel mehr zu tun, als ich noch beim Erstellen der Karteikarten gedacht habe, der Berg, der noch vor mir liegt, ist höher, als der, den ich schon hinter mir habe … Es ist zum Mäusemelken. Ich will am liebsten alles hinschmeißen, drücke mich vorm Schreiben, indem ich sinnlos surfe, sauber mache oder irgend welche anderen Tätigkeiten suche, die mich nur ja nicht frustrieren könnten.

Jetzt hilft nur: Ruhe bewahren, mich an den Plan halten, noch einmal in ältere Kapitel zurückgehen, abändern, was abgeändert werden muss, und vor allem: mit anderen über die Probleme reden. Oft stelle ich fest, dass ich betriebsblind bin, ein Problem aufbausche und Schwierigkeiten sehe, wo gar keine sind.

Ist der tote Punkt überwunden, sieht die Welt sowieso wieder ganz anders aus. Spätestens im letzten Drittel der Überarbeitung, wenn das Ende erkennbar vor mir wirkt, weiß ich, dass der Spaß an der Sache zurückkehrt. Und dann wird sich alles gelohnt haben, ich kann mich zurücklehnen und stolz auf mich sein – bis dann in der nächsten Überarbeitungsphase alles wieder von vorne beginnt.

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16 Antworten auf “Texte gründlich überarbeiten, Teil 1: Triage Editing”

  1. Hallo,

    ja, das mit dem Editieren ist so eine Sache. Bin auch gerade dabei, aber: Karteikarten? Ein Windstoß und man ist hoffnungslos verloren! Ich benutzte „Scrivener“, eine tolle Software – aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zum Editieren: Interessant, wie unterschiedlich da die Herangehensweisen sind: Wollte auch schnell ein „Triage“ Editing meines Textes machen, hab dann aber nur die Zusammenfassung meines Plots (Stufendiagramm) geändert. Und mache nun Triage, Story- und Lineediting (tolle Fachbegriffe – hoffentlich verwende ich sie richtig 😉 ) in einem Aufwasch. Ich glaube eigentlich nicht, dass das eine gute Idee ist, aber jeder wird da wohl seinen eigenen Weg haben. Warum macht ein Roman (traue mich immer nicht, dieses große Wort zu verwenden) soviel Arbeit, nachdem man längst fertig ist? Ist das gerecht? Wie du schon schreibst, man muss sich wirklich durchbeißen! Schön, dass es nicht nur mir so geht. Mach weiter so,

    Axel 🙂

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  2. Ich habe keine Ahnung vom Scrivener, also kannsgt du zumindestens für mich den Artikel „posten“ 😀

    Ich habe selbst keine große Ahnung vom „novel-lieren“ ^^(ob man das so nennen kann?^^) Hab nen paar Kurzgeschichten geschrieben, aber in einem abwasch, also keine Notwendigkeit mir über die Charaktere im auf der Macro-Ebene gedanken zu machen. Meine Kurzgeschichten sind bis jetzt nicht länger als 17 Seiten geworden, also halte ich mich mal aus dem novellieren raus^^
    Braucht ihr vielleicht konstruktive/aufbauende Kritik für eure Geschichte?
    z.B:
    basierend auf X, sollte in den Charakter Y blonde oder schwarze Haare geben?

    Ich wünsch euch viel Freude beim schreiben, ich schaf es ja noch nicht mal mir längere Notizen für’s Leiten zu machen, daher ist das verfassen eines längeren Textes einfach nur: „A pain in the neck“ für mich 😉

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    1. Schreiben ist wirklich in meinen Augen nichts weiter als eine Übungs-, nein, besser: einer Gewohnheitssache. Seit ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe, einfach täglich ETWAS zu schreiben, ganz gleich was, kommt auch eine Menge dabei heraus und es wird auch ständig mehr und besser. Selbst wenn ich nur eine Seite am Tag schaffe, sind das immerhin sieben Seiten pro Woche. So können schon ein Kapitel in zwei Wochen herauskommen und bei einem Roman mit 30 Kapiteln, dauert das Schreiben auf diese Weise rund ein Jahr.

      Das ist für das Fertigstellen eines Romanentwurfs eine angemessene Dauer, würde ich sagen.

      Der Vorteil darin, wenn Schreiben zur Gewohnheit wird: Ich mache es nicht nur, wenn ich Lust dazu habe, sondern einfach, weil es eben eine Gewohnheit ist. Ich denke gar nicht drüber nach, ob, wie, warum und was ich schreiben soll. Schreiben ist einfach der Normalzustand, komme ich nicht dazu, ist es falsch.

      Jede andere Herangehensweise hat für mich bisher auch nicht funktioniert, also solche schöngeistigen Konzepte wie Inspiration, Lust oder Spaß. Die spielen auch eine Rolle, aber das wichtigste ist, die Gewohnheit zu entwickeln.

      Abgesehen davon, weiß ich nicht, was du hast: 17-Seiten-Kurzgeschichten …, das klingt doch super! Dran bleiben! Herzeigen! Veröffentlichen ist immer wichtig, und wenn die Veröffentlichung darin besteht, den Text der Frau, Freundin, einem Freund oder Verwandten zu zeigen, meine ich.

      Deswgen: Ja, wenn es so weit ist und ich mit dem Triage Editing fertig bin, suche ich Alpha-Leser. Was genau das ist und wozu ich die brauche, schreibe ich bestimmt demnächst mal im Blog.

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  3. Hallo Marcus, schreiben alle Autoren nach Schema? Ich bin in meinen Fantasy Reality Roman sozusagen eingetaucht und die Zeilen schrieben sich fast von allein. Die Struktur und die abwechselnden Schauplätze ergaben sich einfach. Bezüglich der Highlights in den fünf Kontinenten habe ich natürlich vorher recherchiert. Jetzt ist der Vorläufer des Romans ( für Kinder ab acht) auf dem Markt und ich bin mir nicht sicher, ob ich den Roman ( ab ca 11 Jahren) von jemanden anderen überarbeiten lassen soll. Ich selber habe mehrmals daran gefeilt und meine Kinder und andere lesen lassen. Eigentlich gefällt er mir so wie er jetzt ist 🙂
    Mein jetziger Verlag verlangt Geld für die Lektoren. Ist das bei größeren Verlagen auch so?
    Viele Grüße Renate Roy

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    1. Nein, ich vermute, jeder Autor schreibt ein bisschen anders. Ich bin ein Planer, mir macht das Spaß. Ich würde jedem Raten, der mit dem Schreiben nicht voran kommt, es mal mit Planung zu probieren. Wenn es aber auch ohne geht … Wozu etwas ändern, das funktioniert?

      Um ehrlich zu sein, kommt es mir komisch vor, dass der Verlag Geld fürs Lektorieren haben will. Ich würde das jedenfalls nicht machen. Wenn ich fürs Lektorat bezahlen muss – wozu dann noch den Verlag? Das ist doch eine seiner wesentlichen Aufgaben.

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      1. Hallo Marcus,
        danke für deine prompte Antwort. Das denke ich mir mittlerweile auch :). Bis auf die Eigenbeteiligungen läuft alles dort sehr angenehm und professionell ab. Deshalb warte ich jetzt mit dem Roman auch noch ab, bevor ich den diesem Verlag gebe. Ich hatte mich nicht getraut die größeren Verlage anzuschreiben und dieser war im Internet präsent. Ich seh eigentlich das Erste Buch mehr so als Werbung für das Zweite. Insofern ist es nicht ganz so tragisch. Werbung kostet auch extra und auch die Messepräsentation. Wenn du willst, schick ich dir mal den Flyer vom p.c. Verlag (gehört zu Vindobona und ist scheinbar etwas umstritten ) per mail oder facebook. Ich habe trotzdem schon Werbung über facebook gemacht und Büchereien und diverse direkt angeschrieben. Das Feedback war nicht schlecht. Kannst ja mal auf meine facebook Seite schaun wenn du willst ( Renate Roy Autorin).
        Grüße RR

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