Wie man den inneren Kritiker besiegt

Er überfällt mich immer wieder. Dabei müsste man meinen, dass ich ihm inzwischen gut ausweichen könnte. Nach Jahrzehnten sollte ich genau wissen, hinter welchen dunklen Ecken er auf mich lauert, wenn ich allein und schutzlos bin. Ich rede von meinem inneren Kritiker, diesem elenden Besserwisser, der sich auf allen Gebieten auskennt und nur unumstößliche Wahrheiten von sich gibt, gegen die ich schlecht argumentieren kann.

„Was, ausgerechnet du willst ein Jugendbuch schreiben? Du kennst dich doch gar nicht genug in dem Genre aus. Lies gefälligst erst einmal wenigstens hundert Bücher, dann kannst du mitreden. Und überhaupt. So eine Romanidee wie deine, die gibt es schon tausendfach. Das haben schon ganz andere versucht. Du hast schon so oft angefangen, wieso solltest du ausgerechnet dieses Mal durchhalten? Hinterher bist du wieder nur enttäuscht. Lass es lieber gleich.“

Ich kann es schon nicht mehr hören.

Es gibt durchaus Phasen, in denen mein innerer Kritiker Pause macht. Er hat immer dann Urlaub, wenn ich gerade eine neue Idee habe, etwas, das mich total begeistert. Dann können mich keine zehn Pferde von meinem Laptop fernhalten. Ich hacke wie ein Besessener auf meinen Tasten herum, um die Idee festzuhalten. Aber kaum ist die Euphorie des Augenblicks abgeklungen, ist der Schlauberger schon wieder im Dienst.

„Was? Das soll gut sein? Da hast du ja als Kind besser geschrieben. Das reicht doch nie, um Leser zu interessieren. Die Idee ist vollkommen abgegriffen. Wozu liest du die ganzen Schreibbücher, wenn du doch hinterher alles nicht beachtest, was dort steht? So kann das nichts werden. Lösche das sofort, bevor es noch jemand versehentlich liest.“

Manchmal hat der Kerl mehr Urlaub, mal weniger. Dummerweise ist er aber in der Regel ziemlich dienstbeflissen. Es gibt auch Phasen, in denen er ständig in meinem Kopf rumspukt, vor allem, wenn ich Romane lese, die mir gut gefallen: „Siehst du! Das ist ein wirklich guter Roman. So was könntest du nie schreiben. Also lasse es lieber.“

Mein innerer Kritiker hat mir schon so manche schlaflose Nacht beschert und allzu häufig vielversprechende Ideen im Papierkorb landen lassen. Das Heimtückische an ihm ist: Manchmal hat er Recht. Gerade, wenn ich richtig trotzig werde und ihn zum Teufel jage, bemerke ich ein paar Tage später, dass es stimmt, was er sagte. Die Idee war wirklich noch nicht gut genug durchdacht, der Text noch lange nicht rund, die Figur nicht genügend ausgearbeitet … Doch mindestens genauso häufig merke ich, dass er sich teilweise und manchmal sogar ganz geirrt hat. Dann stelle ich fest, dass es sich gelohnt hat, durchzuhalten.

Trotzdem muss ich das zähe Ringen mit ihm immer wieder aufnehmen. Mir ist klar, dass ich ihn nie ganz loswerde. Deswegen habe ich mir die Mühe gemacht, diesen nervtötenden Störenfried mal ein wenig näher kennen zu lernen und mir zu überlegen, wie ich am besten mit ihm umgehe.

1. Mein innerer Kritiker meint es nur gut

Eigentlich will mein innerer Kritiker mir ja nichts Böses. Er will mich nur davor beschützen, dass ich mich blamiere. Deswegen sorgte er auch lange, lange Zeit dafür, dass ich das mit dem Schreiben erst gar nicht anfing und wenn, dann nur heimlich und kurze Texte, am besten keine Literatur oder halt nur das, was man eben als Student oder Referendar so schreiben muss. Nicht, dass mein innerer Kritiker sich bei solchen Arbeiten zurückgehalten hätte. Im Gegenteil. Aber bei schriftlichen Arbeiten gab es Abgabetermine, davon hing meine Ausbildung ab. Früher oder später musste ich die Texte abliefern, ganz gleich, was der ewige Nörgler noch auszusetzen hatte. Diesen Luxus habe ich beim Schreiben von Literatur nicht. Hier kann er sich nach Lust und Laune austoben, wenn ich ihm nicht selbst in seine Schranken verweise.

Ich kenne den unsensiblen Naseweis ja schon mein ganzes Leben. Als Kind hat er mir in der Schule über die Schulter geguckt. Irgendwann spätestens ab der dritten Klasse. Und das nicht nur, wenn es ums Schreiben ging (Ja, ich hab früh angefangen und lange, sehr, sehr lange mit ihm gerungen). Auch was das Ansprechen von Mädchen betraf, Meldungen im Unterricht oder – für mich ganz besonders schlimm – den Sportunterricht. Wenn man da als Junge nicht so weit werfen konnte wie die anderen oder sogar – undenkbar! – nicht richtig Fußball spielen konnte, kam schnell von anderen der Kommentar: „Du bist ja gar kein richtiger Junge, du Weichei!“ Das saß. Und mein innerer Kritiker? Der hatte schon damals in meinem Kopf einen Logenplatz. „Siehst du, habe ich dir doch gleich gesagt. Beim nächsten Mal versuchst du erst gar nicht, mitzuspielen. Dann bleibt dir das hier erspart. Höre auf mich, dann wirst du nicht enttäuscht.“

Ja, aus Fürsorge ist er entstanden, mein innerer Kritiker. Aber irgendwann muss man ja mal erwachsen werden und sich vom Rockzipfel dieses übereifrigen Beschützers auch befreien. Schließlich kommt es im Leben nun einmal zu Enttäuschungen. Wer nie was wagt, gewinnt auch nichts. Aber das ist leichter gesagt als getan, finde ich. Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die sich mit der Zeit als wirksame Waffen gegen den heimtückischen Oberlehrer erwiesen haben.

2. Wie ich mit meinem inneren Kritiker klar komme

Wenn ich im Zwiespalt mit diesem nervtötenden Nörgler mal wieder die Wände hochgehe und kurz davor bin, das Schreiben an den Nagel zu hängen, hilft es mir, mit anderen über meine Ideen, meine Zweifel oder ganz konkret über den Text, den ich gerade schreibe, zu reden. Dabei ist es mir wichtig, darauf zu achten, mit wem ich rede. Es ist ganz schön schwierig, in solchen Momenten den richtigen Gesprächspartner zu finden. Denn obwohl die meisten Leute, mindestens genauso unter ihrem inneren Kritiker leiden, wie ich unter meinem, wissen viele nicht einmal, dass sie einen haben, weil sie denken, sie seien mit ihm identisch. Mit solchen Menschen kann ich es mir schenken, über meine kreative Arbeit zu reden. Entweder haben sie gar kein Verständnis dafür, stehen der Sache aus Prinzip ablehnend gegenüber oder stimmen meinem inneren Kritiker sogar absichtlich zu, weil sie insgeheim neidisch sind, dass ich versuche, ihn zu überwinden – wozu sie nicht in der Lage sind.

Ich suche mir also auf jeden Fall Menschen, die

  • kreativer Arbeit gegenüber prinzipiell aufgeschlossen sind,
  • von denen ich weiß, dass sie zu neutralen Meinungsäußerungen fähig sind und
  • bei denen ich mir sicher bin, dass sie es nicht an mir auslassen, dass sie mit ihrem inneren Kritiker nicht klarkommen.

Neutralität ist wichtig, denn in Phasen, in denen mein innerer Kritiker mich zu überrumpeln droht, helfen mir auch keine leeren Phrasen oder Lobhudeleien. Ich brauche ernsthafte Kritik, die mir zeigt, dass vielleicht etwas – ich betone etwas – Wahres an dem dran ist, was mein innerer Kritiker zu meckern hat (doof ist er ja nicht), dass er aber keineswegs damit recht hat, dass ich deswegen ganz aufgeben sollte. Es gilt eben nicht, Blessuren auf jeden Fall zu vermeiden. Natürlich mache ich Fehler. Selbstverständlich habe ich noch viel zu lernen. Beim Schreiben hole ich mir immer wieder eine blutige Nase, das lässt sich nicht vermeiden, wenn ich aus meinen Fehlern lernen will. Ich weiß das, Menschen, mit denen ich gerne über meine Texte rede, wissen das auch. Mein innerer Kritiker weiß das nicht. So schlau ist er nun auch wieder nicht.

Natürlich sind solche wunderbaren Menschen, von denen es zum Glück in meinem Leben einige gibt, nicht immer verfügbar. Was dann? Manchmal kann eine Sache warten, manchmal ist die Verzweiflung aber auch so groß, dass ich sofort Hilfe brauche. Mir helfen in diesen Momenten Anekdoten und Berichte anderer Schreiber über ihren inneren Kritiker. Sie nennen ihn nicht immer beim Namen, aber seit ich meinen inneren Kritiker bewusst kennengelernt habe, höre ich ganz gut raus, wenn andere Leute von ihrem reden.

Ich greife dann zum Beispiel zu einem meiner zahlreichen Schreibbücher und schmökere ein wenig darin. In den wirklich guten, wie zum Beispiel in Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“ oder in den Büchern von James N. Frey, erzählen die Schreiber häufig auch von den schwierigen Seiten ihres Jobs und dass sie selbst früher oder sogar noch heute mit ihrem inneren Kritiker kämpfen. Wenn das bei solchen Leuten der Fall ist, dann ist das doch ganz normal. Wieso sollte es mir da anders gehen? Und am wichtigsten: Die haben es trotz ihres inneren Kritikers geschafft.

Manchmal höre mir eine Folge Writing Excuses an. Dort berichten viele Schreiber ebenfalls über ihren inneren Kritiker – und siehe da, sie kämpfen alle genau den gleichen Kampf mit ihm wie ich.

Ich rufe mir das Beispiel von Franz Kafka ins Gedächtnis, der wollte, dass alle seine Werke nach seinem Tod verbrannt werden. Heute zählen sie zur Weltliteratur. Oder ich denke an Ernest Hemingway, der ein Tagespensum von ein paar hundert Wörtern hatte. Ich schreibe an einem Tag locker tausend Wörter, mindestens, manchmal auch zweitausend oder mehr. Okay, ich weiß, dass Hemingways Wörter viel, viel besser sind als meine (Da! Der überkritische Knilch hat schon wieder zugeschlagen, beinahe hätte ich es nicht gemerkt!). Und er schrieb auch mit der Hand und nicht mit einem Laptop. Aber trotzdem. Irgendwie hilft der Gedanke gegen meinen inneren Kritiker.

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28 Antworten auf “Wie man den inneren Kritiker besiegt”

  1. Oh ja .. ich kenne diesen (meinen) Mistzwerg nur zu gut !!!
    Ich vermute, dass das eine eigene Spezies ist, die nur diesen einen Lebenszweck hat, Schreiberlingen das Leben zur Hölle zu machen. Vielleicht wurde sie von Karaseks und Reich-Ranickis eigens dafür gezüchtet… wer weiß…

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    1. Muss mich noch einmal ganz herzlich auch für den Link und sogar die namentliche Erwähnung in deinem Blog bedanken. Freue mich sehr, wenn es mir gelungen ist, dir aus der Seele zu sprechen.

      Meiner Meinung nach hat mit dem inneren Kritiker Reich-Ranicki so gut wie gar nichts zu tun. Mein innerer Kritiker stammt wirklich noch aus der Kindheit und hat sich da schon zu seiner heutigen Form entwickelt. Leute wie Reich-Ranicki können höchstens in die selbe Kerbe schlagen wie mein innerer Kritiker, was dann unangenehm ist. Aber Schuld daran sind solche Herren nicht.

      Abgesehen davon muss ich für die beiden eine Lanze brechen. Gerade Reich-Ranicki spricht mir in vielen Dingen aus der Seele und verreißt ja nun nicht nur Literatur, sondern lobt auch heftig, das wird häufig übersehen.

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      1. Gern geschehen!
        Das war auch mehr als Joke gedacht… 😉
        Und ich muss zugeben, dass ich Herrn R-R doch immer wieder sehr unterhaltsam finde, auch wenn ich seine Meinung nicht immer teile.
        Nein, schuld sind sie daran sicher nicht.
        Davon abgesehen, hat mein „Mistzwerg“ ja nicht nur einen negativen Einfluss. Zum einen holt er mich immer wieder auf den Boden zurück und zum anderen spornt er mich an, mich immer und immer wieder verbessern zu wollen.

        LG
        Anna

        PS: „Das Leben und das Schreiben“ von King ist ein wunderbares Buch für (oder gegen) solche „Momente“. Mein Exemplar ist schon ganz zerfleddert 🙂

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  2. Wer kennt ihn nicht. Gerade weil man etwas von sich Preis gibt, wenn man kreativ arbeitet, vielleicht Seiten zeigt, von denen man selber erstaunt darüber ist, dass es sie gibt, ist er auch so stark. Weiß ja, dass es ein Blog übers schreiben ist, hätte ich mir trotzdem noch mehr Tipps ( Könnte sie gut gebrauchen) gewünscht.
    Trotzdem vier Sterne, hab mich leider verdrückt!!!

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    1. Ich fühle mich einfach geviersternt 🙂

      Mit dem inneren Kritiker ist es meiner Meinung nach einfach immer das Gleiche. Er ist vor allem deswegen so stark, weil ich glaube, dass er und ich identisch sind. Mir hat halt der Gedanke stark geholfen, dass mein innerer Kritiker nicht zu mir gehört, sondern eher ein lästiger Begleiter ist, dem ich Gesicht und Stimme gebe. Dann fällt es mir auch leichter, mich von ihm zu distanzieren und herauszufinden, was ich eigentlich gerne will und für gut halte.

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  3. Ich würde gerne mal einen Roman von dir lesen. Wenn du nur halb so gut schreibst, wie in diesem Artikel, muss er gut sein.
    Den kleinen Bösewicht kenne ich auch nur zu gut. Er hat zur Zeit einen Dauerwohnsitz bei mir. Bin nur froh, eine Erstleserin zu haben, die konstruktiv und ehrlich ist. Das hilft.

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    1. Ui, vielen Dank für das dicke Lob. Das freut mich sehr. Ja, ich würde es auch toll finden, wenn man meine Romane lesen könnte. Noch habe ich keine Agentur gefunden, die mich vetreten möchte. Aber es ist alles in Arbeit.

      Konstruktives Feedback ist durch nichts zu ersetzen, da hast du recht. Meiner Ansicht nach der Schlüssel zu einem guten Text.

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  4. Hier melde ich mich bei Ihrem zweiten Blogeintrag! Wer kennt ihn nicht? Diese innere Stimme, die immer und immer wieder sagt, das man es eh nicht kann. Man würde am liebsten alles hinschmeißen, ist nicht mehr so stolz auf die Seiten die man geschrieben hat. Manchmal hat er kurzzeitig Urlaub und dann kommt er wieder zurück um sich zu Wort zu melden. Jeder kennt ihn der schreibt und jeder hört ihn. Aber ich bin der Meinung man sollte stark genug sein auch einmal über ihn zu springen, sich etwas zu trauen. Natürlich hat jeder einmal so einen Hänger, dass man mit jemandem reden muss, welche Ansprechperson das ist ist unterschiedlich! Auch mir ist es heute schon passiert, dass ich mich bei einer Freundin beschwert habe, dass es schlecht ist und ich nicht will, dass meine ganze Klasse, das liest was ich schaffe und schreibe. Obwohl schreiben mein Leben ist.

    Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und in welchem Alter? Würde gern wissen ob das selten ist so gern zu schreiben!

    Mir ist der Computer immer noch lieber als mit der Hand, weil ich schnell Krämpfe kriege. Außerdem stehe ich mehr auf diese alltäglichen Bücher als auf Fantasy, doch habe ich Angst dass das ganze keinen Roten Faden hat!

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