Wie man Motivation zum Schreiben findet

Motivation – ein Thema, das nach meinem Eindruck in Schreibbüchern, Seminaren oder Blogs ausgeklammert oder nur am Rand behandelt wird. Logisch, könnte man denken, denn wenn ich schon ein Buch übers Schreiben kaufe oder mir ein Seminar ans Bein binde, muss ich schon verflixt motiviert sein, auch was zu schreiben.

Das ist bestimmt nicht ganz falsch. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Motivation zum dauerhaften Schreiben etwas ganz anderes ist, als die Motivation, mit dem Schreiben zu beginnen oder ein Buch darüber zu lesen oder ein Seminar zu besuchen. Ich habe schon oft damit begonnen, einen Roman zu schreiben, viele Bücher über das Thema gewälzt und Seminare besucht, aber auch schnell wieder das Projekt fallen gelassen, wenn es knifflig wurde.

Was hilft mir – nach jahrelangen erfolglosen Motivationsversuchen – nun schon seit einiger Zeit bei der Stange zu bleiben?

1. Alles ist nur Müll und ich bin ein unfähiger Schreiber

Mein innerer Kritiker ist mein größter Feind. Es kostet viel Kraft, um nicht an diesem lästigen Bastard kaputt zu gehen, der mir bei Schritt und Tritt über die Schulter glotzt und alles besser weiß. Dank ihm habe ich in regelmäßigen Intervallen den Eindruck, dass alles, was ich schreibe, nur Müll ist.

Mir hilft im Kampf gegen meinen inneren Kritiker eine Anekdote über Neil Gaiman. Angeblich soll der Autor von solchen grandiosen Werken wie Sandman und American Gods, von Sternenwanderer und Niemalsland, regelmäßig nach zwei Dritteln eines Buches verzweifelt seine Agentin Merrilee Heifetz anrufen und so was jammern wie: „Dieses Buch wird nix, alles ist Müll, ich bin ein unfähiger Schreiber.“

Und jedes mal muss sie ihn wohl mühsam aufbauen, damit er das Buch doch noch beendet.

Mir hilft der Gedanke durch schwere Momente: Selbst ein Veteran und Bestsellerautor wie Gaiman leidet unter seinem inneren Kritiker und kommt nur dank fremder Hilfe von ihm los. Also stehe ich mit diesem Problem nicht alleine da und muss damit auch nicht alleine bleiben. Das Reden über meinen inneren Kritiker mit anderen zeigt mir meistens, dass dieser elende Besserwisser doch nicht so schlau ist, wie er immer tut.

Ich habe keine Ahnung, ob diese Anekdote stimmt, aber wen interessiert das, wenn sie hilft.

2. Lesen und lesen lassen

Es hilft mir, Texte ruhen zu lassen und später noch einmal anzusehen (bloß nichts löschen oder wegwerfen). Nicht immer komme ich mit ein oder zwei Tagen Abstand zu dem Schluss, dass das, was ich geschrieben habe, toll ist. Aber ich finde eigentlich immer wenigstens etwas Gutes, aus dem sich noch was machen lässt.

Noch besser ist es, wenn andere meine Texte lesen und mir Feedback geben. Das ist nicht immer ungeteilt positiv, aber nur ein einziges ernst gemeintes Lob zeigt mir, dass das Ganze so schlecht nun auch wieder nicht ist.

3. „Hallo, ich bin der Marcus und ich schreibe mehrmals am Tag …“

Es hilft mir, anderen gegenüber zuzugeben, dass ich schreibe. Es fällt mir nicht leicht, denn eigentlich setze ich mich mit so einem Statement fast immer in die Nesseln. Die meisten halten mich für mehr oder weniger bescheuert. Wohin soll das denn führen? Überhaupt, wer soll denn das lesen? Damit kann man doch kein Geld verdienen. Die einen rümpfen die Nase über den mangelnden Anspruch meines Geschreibsels, die anderen halten mich für einen intellektuellen Angeber. Es ist nicht unbedingt für mein Ansehen förderlich, wenn ich zugebe, dass ich gerne und auch noch regelmäßig und zielorientiert ein Romanmanuskript schreibe (auch wenn es natürlich immer wieder wohlwollende Reaktionen gibt).

Aber: Sobald es erst einmal ausgesprochen ist, muss ich mich auch beweisen. Ich kann damit leben, dass mich andere für einen Spinner halten. Doch für einen Spinner gehalten zu werden, der nicht einmal was fertig kriegt – das würde mich wirklich wurmen. Dann bin ich lieber ein Spinner mit einem fertigen Romanmanuskript.

4. Der Weg ist das Ziel

Wenn ich nur schreiben würde, um ein fertiges Romanmanuskript – oder noch schlimmer, ein veröffentlichtes Buch – in den Händen zu halten, würde ich nie fertig werden. Denn der Weg dorthin ist viel zu steinig und viel zu verworren, um dieses Ziel von Anfang an wirklich vor Augen zu haben. So bleibt es ein Tagtraum, eine schöne Fantasie, aber nichts, was ich konkret hier und heute umsetzen kann. Deswegen sind viele meiner Versuche erfolglos geblieben. Ich wollte eigentlich keinen Roman schreiben, ich wollte einen fertigen Roman. Bei kürzeren Texten ist dieser Gedanke auch weniger problematisch, bei längeren ist er schlichtweg fatal.

Erst seit ich das Schreiben als Prozess zu genießen gelernt habe, habe ich die Motivation zum Durchhalten entwickelt. Schreiben ist für mich eine Art Lebenseinstellung geworden. Manche Menschen suchen das Abenteuer, indem sie Bungee Jumping betreiben oder viel, weit und oft reisen. Meine Reise, mein Kick, besteht darin, mich mit meinem Laptop auf dem Schoß in einer Ecke daran zu erfreuen, aussagekräftige Hauptsätze zu fabrizieren und aktive Verben zu finden und dabei viel über mich und andere oder spannende Themen zu lernen.

5. Gewohnheiten prägen

Lust zum Schreiben – davon habe ich auch lange Zeit geredet. Dass Schreiben mir Spaß macht, habe ich gedacht. Natürlich ist das auch so. Aber das ist nicht jeden Tag so. Wenn ich wirklich immer nur darauf warten würde, dass ich Lust habe und nur schreiben würde, wenn es mir auch Spaß macht, dann würde ich vielleicht ein oder zweimal im Monat ein paar Sätze fabrizieren.

Ich schreibe erst regelmäßig und vor allem zielorientiert, seit ich mir Schreiben zu einer Gewohnheit gemacht habe. Egal, was sonst so passiert, ich nehme mir vor, wenigstens einmal am Tag meine Hände auf die Tastatur zu legen und Buchstaben aneinanderzureihen, möglichst auch noch sinnvoll und für das Projekt, an dem ich gerade arbeite.

Dadurch habe ich manchmal auch Spaß bei der Sache, sogar ziemlich häufig, aber es wird nicht zur Bedingung. Umgekehrt habe ich aber festgestellt: Komme ich mal einen Tag – was inzwischen selten passiert – nicht zum Schreiben, fehlt mir was. Wie Zähneputzen. Oder eben Laufen. Hier schließt sich der Kreis.

6. Das Leben ist endlich

Will ich wirklich (in hoffentlich ferner Zukunft) sterben, ohne einen Roman geschrieben zu haben? Antwort: Nein.

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26 Gedanken zu “Wie man Motivation zum Schreiben findet

  1. Yeah,

    schöner Schreibblog, gleich mit einem hammer-interessanten Text. Na, dann bin ich ja mal gespannt, was man in Zukunft noch so erwarten kann. Alles Gute,

    Axel 🙂

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  2. Mit meiner Motivation kämpfe ich schon so lange ich denken kann. Leider habe ich sie immer noch nicht in den Griff bekommen;(
    Freut mich das du einen Weg gefunden hast. Da ich früher viel gelesen habe war Schriftsteller auch mein Beruf, ich bin aber davon überzeugt das ich diesbezüglich so gar kein Talent habe (was ich schon bei Ausarbeitungen von Rollenspielmaterial, von einigen Kommentaren bezüglich beruflicher e-Mails und sogar von meinem Chemielehrer im Abi (die Zahlen sind ja nett, aber wo ist der Text;) bescheinigt bekommen habe.
    Mal schauen ob ich es schaffe mal ab und an deinen Blog zu verfolgen.
    Gruß Stefan

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    • Ich würde mich freuen, dich öfter hier zu sehen. 🙂

      Meiner Meinung nach ist Talent eine Illusion. Was soll das sein? Ein göttlicher Hauch, der in der Wiege verpasst wird? Ein Talent-Gen, das vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter vererbt wird?

      Ich glaube wirklich, dass es letztlich immer um Motivation geht. Je nach dem, wie ich in meiner Kindheit geprägt wurde, was mich als Erwachsener anspricht und welche Erfahrungen ich gemacht und welche Entscheidungen ich getroffen habe, entwickle ich die einen oder anderen Fähigkeiten.

      Ein Video, das mir als Einstieg in das Thema geholfen hat, gibt es hier: Talent? Who needs talent?

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  3. Bis auf das Laufen …
    Genau so isses.
    Und aufhören zu schreiben wäre aufhören zu leben …, nur noch existieren, aber nicht mehr leben.
    Bleib dran Marcus, beim nächsten Hangover werde ich an Deine Zeilen denken.

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    • Danke für den Zuspruch. Werde dir ebenfalls die Daumen drücken. Und das Laufen kann ich nur empfehlen. Hatte gerade wieder einen Hänger. Drei Stunden lang sinnlos gesurft und andere Dinge getan, um mich vorm Schreiben zu drücken. Laufschuhe umgeschnallt, Stunde auf der Piste gewesen – und jetzt brenne ich darauf, zu schreiben.

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  4. Genau diesen Text habe ich jetzt gebraucht. Genauso ist es. Ich bin auch Sportler und Schriftsteller und habe selber schon viele Parallelen dieser beiden Hobbys gezogen.
    Gerade hänge ich wieder in einer wirklich schlimmen Blockade… näheres dazu auf meinem Blog ;D
    „das Schreiben als Prozess zu genießen gelernt habe“
    Genau das ist das Wichtigste. Obwohl ich schon mehrere Bücher beendet habe, fehlt mir das manchmal immer noch ;D

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  5. Dem kann ich nur zustimmen. Die Frage “Will ich wirklich (in hoffentlich ferner Zukunft) sterben, ohne einen Roman geschrieben zu haben?” würde ich so beantworten, dass ich vorher unbedingt noch ein weiteres Buch schreiben möchte.

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  6. Ich find deinen Text wirklich toll! Irgendwie wollte ich daraus etwas ziehen, das mir wieder mehr Motivation gibt meinen Blog wirklich regelmäßig zu führen. Nur habe ich jedes Mal das Gefühl, dass sich kein Mensch der Welt wirklich einen Text von 500 Wörtern an einem Abend reinziehen möchte und das alles ohne Bilder.
    Irgendwie scheiterts bei mir immer daran, dass ich keine Lust habe mir Bilder zu recherchieren oder welche, die ich selbst geschossen habe, zu bearbeiten und dann in einen Text zu integrieren, wenn ich weiß, dass ich sowieso irgendwann abschweife. Theoretisch macht es mich ja nur aus, dass ich gerne von einem Thema zum anderen komme und somit keinen wirklichen Punkt finde. Eigentlich ist das doch irgendwie normal als Labertasche oder?

    Was denkst du darüber?

    Liebe Grüße,
    Sarah

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  7. „Ich wollte eigentlich keinen Roman schreiben, ich wollte einen fertigen Roman.“

    Der Satz stammt (in Abwandlungen) von mir! 🙂
    Auch: „Ich will eigentlich kein Bild malen, ich will ein Bild gemalt haben.“
    Auch wenn es bösartig klingt – freut mich, dass es auch anderen so geht. 😉

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  8. […] Man kann so viel lesen wie man will. Man kann so viele Seminare besuchen wie man will. Man kann soviel darüber reden wie man will. Letzendes muss man vor allen eins: durchhalten! Es ist das eine begeistert ein Manuskript zu „planen“, sich in seinen Tagträumen zu üben, sich darin zu üben immer wieder mit dem Schreiben zu „beginnen“. Es ist aber etwas ganz anderes sich über einen längeren Zeitraum hinzusetzen und immer wieder Wort für Wort aneinanderzureihen. Lass mich das noch mal ganz konkret sagen: Es ist das eine ein Buch herbeizuträumen, es vielleicht sogar zu beginnen und etwas ganz anderes es wirklich zu ende zu schreiben. Der Artikel von Marcus Johanus beleuchtet das ganz gut! Deshalb ist dieser Beitrag als eine Art Ergänzung zu lesen. https://marcusjohanus.wordpress.com/2011/06/17/motivation/ […]

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  9. Lieber Markus,

    ich bin jedes mal erstaunt darüber, wie viel Wahrheit in deinen Texten steckt. Ich spüre förmlich wie viel Eigenerfahrung da von dir aus mit einspielt und wie ich meine Erfahrungen darauf übertragen kann. Häufig sitze ich beim Lesen deiner Artikel schmunzeln oder Kopfschüttelnd da, da ich meist nur zustimmen kann. Gerade bei dem Punk „… die anderen halten mich für einen intellektuellen Angeber. Es ist nicht unbedingt für mein Ansehen förderlich, wenn ich zugebe, dass ich gerne und auch noch regelmäßig und zielorientiert ein Romanmanuskript schreibe (auch wenn es natürlich immer wieder wohlwollende Reaktionen gibt).“ konnte ich letztens am eigenen Leib erfahren, wie schrecklich es sein kann, über sein Hobby zu reden. Es offen zuzugeben, dass man große Freude daran hat etwas zu Schreiben. Mir wurde irgendwann mitgeteilt, dass Schreiben zwar ein schönes Hobby ist aber ich doch mal über etwas sprechen sollte, wo man auch mitreden könnte. Das hat echt gesessen und ich hab die Welt nicht mehr so ganz verstanden. Trotzdem habe ich schnell wieder Mut gefasst und mich nicht beirren lassen. Schließlich frage ich auch interessiert nach, wenn ich irgendwo nicht mitreden kann.

    Ich wünsche dir angenehme Feiertage!
    Henrik

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