Wer seine Leserinnen erreichen will, muss bessere Filme schreiben (Sonntagsperlen 6)

Wer seine Leserinnen erreichen will muss bessere Filme schreiben

Als Autorin solltest du viel schreiben, lesen – und Filme und Fernsehserien gucken.

Schreiben und Lesen ist selbsterklärend. Autorinnen, die nicht viel (am besten täglich) schreiben, entwicklen nicht ihr Handwerk. Lesen hilft, den Sprachschatz zu erweitern, die Regeln der Sprache zu verinnerlichen, den eigenen Stil zu entwickeln, sich inspirieren zu lassen usw.

Aber Filme gucken? Oder Fernsehen? Wozu das?

Film und Fernsehen sind zweifellos die Medien unserer Zeit. Während Kinder und Jugendliche vor rund 50 Jahren noch Groschenhefte und Comics lasen und so ihre Lesegewohnheiten prägten, hängen sie heute vor der Glotze oder gehen ins Kino (oder gucken ihre Lieblingsfilme und -serien auf dem Handy, Tablet usw.).

Wer als Autorin seine Leserinnen erreichen will, muss bessere Filme schreiben.

Mit den starken audiovisuellen Reizen, die das Medium ausübt, kann ein Buch nicht konkurrieren. Dafür haben Bücher andere Stärken, wie zum Beispiel die Bilder im Kopf, die eindringlicher und persönlicher sind als jeder Blockbuster. Romane können sich mehr Zeit nehmen und damit mehr Tiefe erzeugen. Ein Film sollte in der Regel rund zwei Stunden lang sein. Ein Buch kann im Prinzip beliebig viele Seiten haben.

Diese Stärke, ist aber auch die Schwäche. Denn die Notwendigkeit, seine eigene Fantasie zu benutzen und die Möglichkeiten zur Vertiefung fordern vom Leser auch mehr eigene Arbeit und Durchhaltevermögen, die jedoch unter Umständen bei einer Vielzahl potenzieller Leserinnen durch anderen Medienkonsum nicht ausgeprägt genug sind. Ein Problem, das vor allem Autorinnen von Jugendbüchern haben.

Nun kann man viel darüber jammern und fluchen – oder sich diesen Umstand zu eigen machen. Soll heißen: Je mehr du dich beim Entwerfen und Schreiben deines Romans an filmischen Strukturen orientiere, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du deine Leserinnen auch erreichen – und behalten – kannst.

Ohne Reue vor der Röhre hängen!

Deswegen kann das gezielte Gucken von Filmen und Fernsehserien für Autorinnen sogar Fortbildung sein – wenn du dich auf diese Weise in deinem Genre weiterbildest, das die gleiche Zielgruppe anspricht, für die auch dein eigener Roman gedacht ist und wenn du auch weißt, worauf du achten musst:

  • Zunächst einmal kannst du beim gezielten Gucken viel über Gestik, Mimik und Dialoge lernen. Das kann dabei helfen, diese Dinge auch im eigenen Roman zu entwickeln.
  • Auch „Show don’t tell“ kannst du mit entsprechend analytischem Blick an Film- und Fernsehserien gut studieren, denn natürlich lebt das Medium vom visuellen Erzählen.
  • Etwas schwieriger wird es mit den Strukturen, nach denen Filmhandlungen aufgebaut sind. Mit anderen Worten, du musst auch als Romanautorin etwas über das Drehbuchhandwerk wissen, um Filme und Fernsehserien strukturiert analysieren zu können.

„Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen“

Zum Glück gibt es auch über das Schreiben von Drehbüchern viel Literatur. Eines meiner Lieblingsbücher zu dem Thema ist »Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen« von David Howard und Edward Mabley.

Große Überraschungen darf man hier nicht erwarten. Wer bereits Schreibbücher, z.B. von James N. Frey oder Lajos Egri, gelesen hat, wird viele alte Bekannte treffen (wen wundert’s, denn die Grundlagen des dramatischen Schreibens sind halt unabhängig vom Medium).

Aber in der Umsetzung und den Ausprägungen gibt es zwischen dem Erzählen im Roman und im Film doch einige Unterschiede, die dieses lehrreiche Buch vor Augen führt.

So haben die Autoren beispielsweise wunderbar auf den Punkt gebracht, was eine gute Geschichte von einer gut (für einen Film) erzählten Geschichte unterscheidet:

  1. Die Geschichte handelt von jemandem, mit dem wir Mitgefühl empfinden.
  2. Dieser Jemand will unbedingt etwas Bestimmtes erreichen.
  3. Dieses Etwas zu erreichen ist zwar möglich, aber schwierig.
  4. Die Geschichte wird so erzählt, dass die emotionale Wirkung so groß wie möglich ist.
  5. Die Geschichte muss ein zufriedenstellendes Ende, aber nicht unbedingt ein Happy-End haben.

In diesem Stil lernst du in diesem Buch viel über Figuren, Handlung, Prämisse, Konflikt, visuelles Erzählen usw. – alles Dinge, von denen du als Romanautorin schon einmal was gehört haben solltest, nur hier halt aus der Perspektive des Filmschaffenden und kurz und bündig auf den Punkt gebracht.

Beim Lesen von »Drehbuchhandwerk« wird außerdem deutlich, dass die Stärke des Films (und auch seine größte Schwierigkeit) in seiner Komprimierung liegt. Wie Michael Crichton auf den Punkt gebracht hat: Wo der der Romanautor 300 Seiten hat, hat der Drehbuchautor vielleicht 120 – und muss trotzdem mindestens genauso viel sagen.

Darin liegt also ein willkommener Nebeneffekt, wenn man sich als Romanautorin mit dem Drehbuchhandwerk auseinandersetzt: Effizientes Erzählen tut auch Romanen gut.

Was mir besonders gut gefällt ist der zweite Teil des Buchs, indem die Autoren ihr zuvor erarbeitetes theoretisches Rüstwerk bei der Analyse einiger Filme unter Beweis stellen. Das schult das eigene analytische Gucken von Filmen und Fernsehserien ungemein, da du lernst, worauf es zu achten gilt.

Dieser Teil des Buches ist für Romanautorinnen – und eigentlich alle, die Filme gerne besser verstehen wollen – besonders interessant. Von »E.T.« bis »Hamlet« gibt es eine repräsentative Auswahl von Filmen, denen auf den Zahn gefühlt wird, wobei ich als Leser den einen und anderen Aha-Effekt erfuhr.

Das praktische Feedback Cheat Sheet für (Nicht-)Autoren (Sonntagsperlen 5)

Ich habe das große Glück, mit meinem Writing Buddy Axel Hollmann einen guten Freund und kompetenten Autoren zu haben, der meine Entwürfe mit viel Geduld und Aufmerksamkeit liest und mir gezieltes Feedback geben kann. Dieses Glück hat nicht jeder. Macht aber auch nichts. Mit einem bisschen Hilfe, kann aus jedem engagierten Leser ein Autoren-Coach werden.

Folgendes Cheat Sheet hilft dabei:

Feedback Cheat Sheet

Du kannst dir auch das Feedback Cheat Sheet als PDF downloaden.

Jede einzelne Stimme deines inneren Schreibteams hat seine Zeit (Sonntagsperlen 4)

Jede einzelne Stimme deines inneren Schreibteams hat seine Zeit

Früher gab es für mich vor allem meinen inneren Kritiker, von manchen auch innerer Lektor genannt. Der innere Kritiker ist die bohrende Stimme in deinem Kopf, die dir einredet, für das, was du gerade tust, nicht gut genug zu sein. Inzwischen habe ich festgestellt, dass es weit mehr Stimmen gibt, die mich beim Schreiben begleiten.

Ja, in mir steckt ein komplettes inneres Schreibteam. Das kann manchmal ganz schön verwirren.

1. Der Visionär

Jede neue Grundidee ist für ihn der große Wurf. Alles andere, was ich bisher geschrieben hast, ist Mist. Deswegen drängelt sich der Visionär am liebsten auch bei laufenden Projekten in den Vordergrund und versucht die Aufmerksamkeit ständig auf was Neues zu leiten, statt beim Aktuellen zu bleiben.

Der Visionär ist super, wenn es darum geht, eine neue Idee zu finden. Aber dann muss er ganz, ganz schnell auf die Ersatzbank verbannt werden, wo er mit den Füßen scharrend unruhig hin und her rutscht, weil er seinen nächsten Einsatz gar nicht erwarten kann.

2. Der Zen-Mönch

Er ermahnt mich dazu, nicht sofort loszulegen, wenn ich eine neue Idee oder ein Problem habe, sondern erst einmal durchzuatmen und nachzudenken. Der Zen-Mönch hilft mir dabei, ohne schon ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, die Idee erst einmal reifen zu lassen oder bei einem Problem nach den tieferen Ursachen zu forschen.

Außerdem ermahnt er mich, nicht zu früh zu urteilen oder Ideen zu rasch zu verwerfen, sondern alles erst einmal gleichberechtigt stehen zu lassen, damit ein Projekt auch sein volles Potenzial entfalten kann.

3. Der Personal Trainer

Diese Stimme ist der muskelbepackte Typ, der am Beckenrand steht und mich anschreit: »Schneller! Mehr! Weiter! Mach schon!«.

Der personal Trainer und der Zen-Mönch liegen in einem ewigen Clinch.

Während der Personal Trainer mich zu mehr Härte, Disziplin und Ausdauer antreibt, mahnt mich der Zen-Mönch dazu, eine Pause einzulegen, einen Schritt von der Arbeit zurückzutreten und abzuwarten, was sich so ergibt.

Ich mag den Zen-Mönch irgendwie lieber, aber ich weiß, dass ich auf den Personal Trainer auch nicht ganz verzichten kann.

4. Der Pessimist

Der Pessimist kommt meinem inneren Kritiker noch am nächsten. Er macht nun wirklich alles madig, was ich schreibe, macht sich über jede Ambition lustig und will ständig den ganzen Kram hinschmeißen. Jedes Wort legt er auf die Goldwaage, jedes Plotelement wird überkritisch hinterfragt, jede Figur für nicht gut genug erklärt. Und überhaupt taugt doch alles nichts.

Von allen Mitgliedern meines inneren Teams hasse ich meinen Pessimisten am meisten. Aber auch er hat seine Berechtigung, wenn ich ihm ab und zu mal ein Date mit meinem Personal Trainer spendiere. Denn nur, wenn es mir gelingt, die negativen Gedanken des Pessimisten umzuleiten, um mir einen Ansporn zu liefern, besser zu werden, frage ich ihn um Rat.

An Tagen, an denen ich fürchte, dass der Pessimist die Oberhand gewinnen könnte, lasse ich ihn lieber links liegen und unterhalte mich gleich mit meinem Zen-Mönch. Der ist viel cooler drauf.

5. Der Erbsenzähler

Der Typ ist der beste Freund vom Pessimisten und ich vermute, er steckt auch irgendwie mit dem Personal Trainer unter einer Decke. Er mahnt mich ständig zur besseren Recherche, achtet auf jedes Komma, fragt sich bei jedem Wort, ob es da nicht noch ein besseres gibt und bringt mich dazu, jeden Text zehnmal zu Überarbeiten, um noch ein kleines bisschen mehr Qualität herauszuholen.

Den Erbsenzähler lasse ich am liebsten erst ganz zum Schluss an ein Projekt, sonst hält der sich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag an einem Satz auf und ich werde nie mit einem Text fertig.

Teamsitzungen

Es gibt Situationen, in denen setze ich mich mit meinem Team an einen Tisch, lehne mich zurück und lasse die einfach mal machen. Dann schaue ich dem lustigen Treiben eine Weile zu und warte ab, was herauskommt. Meistens ist das mehr oder weniger zu Beginn eines Projekts oder wenn ich einen Hänger habe.

In anderen Situationen frage ich gezielt ein oder zwei Teammitglieder um Rat. Im Zweifelsfall höre ich auf meinen Zen-Mönch.

So genutzt, bringt das Team mich weiter. Kritisch wird es, wenn sich unbewusst eines der Mitglieder in den Vordergrund drängt und die Regie übernimmt, ohne dass ich das merke. Denn keines von ihnen ist gut genug, um alleine ein Projekt zu bewältigen und es kommt zu Schreibblockaden. Bewusst eingesetzt hilft mein Schreibteam mir, diese zu überwinden.

Verschiedene Phasen des Schreibprozesses müssen von unterschiedlichen Testleserinnen begleitet werden (Sonntagsperlen 3)

Verschiedene Phasen des Schreibproesses müssen von unterschiedlichen Testleserinnen begleitet werdenEs ist für mich wichtig, Texte so früh wie möglich mit anderen durchzugehen. Ich werde sehr schnell betriebsblind für Fehler. Noch schlimmer: Ich übersehe gerne meine Stärken. Um beides zu verhindern, begleitet mich im unmittelbaren Entstehungsprozess mein Writing-Buddy Axel Hollmann.

Irgendwann ist es jedoch an der Zeit, den Entwurf auch anderen Menschen zu zeigen, die nicht unbedingt selbst Romanautorinnen sind. Hier kommt die Alpha-Lerserin ins Spiel. Doch woher weiß ich, wann dieser Punkt erreicht ist – und was genau hat eine Alpha-Leserin eigentlich zu tun?

1. Wenn die Zeit reif ist, ist sie reif …

Ein Entwurf befindet sich für mich im Alpha-Stadium, wenn ich das Triage Editing abgeschlossen habe. Für mich ist dabei wichtig, einerseits nicht zu perfektionistisch zu sein, was schwierig ist, denn natürlich hat mein innerer Kritiker stets etwas zu meckern und es gibt ja auch immer Dinge, die eigentlich noch besser sein könnten. Andererseits muss irgendwann auch der Punkt erreicht sein, an dem es mal gut ist, sonst dauert das Triage Editing ewig und ich werde nie fertig.

Meine Lösung nenne ich das Konzept des fließenden Abgabetermins. Ich setze mir selbst ein Datum, an dem ich fertig sein will.

Ich abreite zunächst drauf los. Sobald sich das Gefühl einstellt, dass ich einen guten Rhythmus gefunden habe, schätze ich ab, wie lange ich noch für die Arbeitsphase brauchen werde.

Hier ist wiederum der Schlüssel zum Gelingen die innere Einstellung. Der Termin darf nicht in Stress ausarten, weswegen ich mir auch gestatte, ihn aus triftigen Gründen ein wenig nach hinten zu verschieben. Ich darf ihn aber auch nicht einfach unbegrenzt verschieben, denn dann wird er sinnlos.

2. Die Form eines Alpha-Entwurfs

Mein Alpha-Entwurf ist nicht der allererste Entwurf, wie man dem Namen nach vermuten könnte, sondern mindestens ein zweiter. Mein Entwurf für die Alpha-Leserin muss bereits als Roman erkennbar sein, ist aber noch lange nicht fertig. Für mich ist ein Entwurf  für meine Alpha-Leserinnen bereit, wenn die Handlung in ihren Einzelheiten steht, aber noch nicht alles perfekt ausformuliert ist.

Der Plot ist für mich das Gerüst des Textes. Deswegen muss er fertig sein, bevor ich mich daran mache, aus dem bisher eher achtlos dahin geschriebenen Text auch gute Prosa zu machen. Dialoge, Beschreibungen usw. habe ich zwar bereits formuliert, damit erkennbar ist, welche Form der Roman am Ende haben soll, aber sprachlich ist das alles noch kein gutes Deutsch, geschweige denn Literatur. Das ist in diesem Stadium aber auch nicht nötig.

Für den Alpha-Entwurf ist nur wichtig, dass die Details der Handlung alle plausibel aufeinander aufbauen und alles so weit formuliert ist, dass die Alpha-Leserin einen Vorgeschmack auf den späteren Roman erhält (Perspektive, Erzählsituation, Erzählstimme, Atmosphäre und Stil werden also bereits angedeutet).

3. Die geeignete Alpha-Leserin finden

Gute Alpha-Leserinnen zu finden, ist schwierig. Für mich muss eine Alpha-Leserin jemand sein, die selbst kreativ arbeitet. Idealerweise schreibt sie auch, aber das muss nicht sein. Eine Alpha-Leserin muss meiner Meinung nach auch keine Literaturwissenschaftlerin, Lektorin oder ähnliches sein. Sie muss einfach nur einen Blick für Unfertiges haben.

Nur wer selbst künstlerisch tätig ist, weiß, dass der Schaffensprozess verschiedene Phasen und Entwicklungsstufen besitzt. In solchen verschiedenen Schichten muss mein Entwurf beurteilt werden. Ich brauche für meinen Alpha-Entwurf praktisch eine Perlentaucherin, die in den Tiefen meines Textes wühlt, die kleinen, glänzenden Prunkstücke holt und den ganzen schmuddeligen Algenkram auf der Oberfläche wegschiebt.

Vollkommen ungeeignet als Alpha-Leserin sind Erbsenzählerinnen und Rechtschreib- und Grammatikexpertinnen. Nichts gegen Erbsenzählerei, das wird später beim Lesen des Beta-Entwurfs sehr, sehr wichtig – also dem Entwurf, in dem die Sprache auf Hochglanz poliert werden muss. Nur fehlt solchen Leserinnen meistens der Blick für das Potenzial eines Textes. Zeigte ich einer qualifizierten Beta-Leserin einen Alpha-Entwurf, würde sie den Ausdruck mit roter Farbe überfluten, was für sie unnötig viel Arbeit bedeutete und mir nur wenig nutzen würde, denn mir ist ja bewusst, dass der Text sprachlich noch nicht perfekt ist.

Auf gar keinen Fall darf der Alpha-Entwurf einer Test-Leserin in die Hände fallen, also einer Leserin, die den Roman zu lesen bekommt, wenn er praktisch fertig ist. Die Test-Leserinnen sind weder Perlentaucherinnen noch Sprachwissenschaftlerinnen, sondern leidenschaftliche Romanleserinnen, die sich für den Schaffensprozess selbst herzlich wenig interessieren – und das ist auch gut so. Eine Test-Leserin könnte jedoch mit einem Alpha-Entwurf gar nichts anfangen, wäre nur irritiert und würde den Text vollkommen zu Recht gelangweilt weglegen.

 

Autorinnen sollten nicht versuchen, die Heldinnen ihrer eigenen Geschichten zu sein (Sonntagsperlen 2)

Autorinnen sollten nicht versuchen, die Heldinnen ihrer eigenen Geschichten zu sein

Kreative, künstlerische Tätigkeiten werden meistens zuallererst aus einem egoistischen Bedürfnis ergriffen. Das Aufgehen in der Kreativität, das Versinken in einer eigenen Welt, der dadurch entstehende Flow sind erfüllende Erlebnisse. Manchmal geht das so weit, dass du als Autorin die Heldin des Romans zu deinem Avatar in der Romanwelt machst, um Wunschträume und Sehnsüchte auszuleben. Das ist verständlich – und bis zu einem gewissen Grad sogar notwendig – aber problematisch.

Die Alter-Ego-Falle

Autorinnen tappen beim Schreiben gelegentlich in die Alter-Ego-Falle.

Damit meine ich, dass Autorinnen sich mehr oder weniger selbst als Heldin in die Romanhandlung schreiben. Wie in einem Computerspiel erlebt dann die Hauptfigur an deiner Stelle Abenteuer, die dir im Alltag verwehrt bleiben.

Ein typischer Alter-Ego-Held ist für mich James Bond, der nicht nur die absurdesten Abenteuer erlebt, sondern dabei auch nahezu unverwundbar ist, die tollsten Frauen mit einem Zwinkern ins Bett bekommt und dem bei alledem nicht einmal die Frisur verrutscht.

Hier hat Ian Fleming seine Wunschträume und ein überhöhtes Spiegelbild seines Selbst in eine abenteuerliche Umgebung gepflanzt, um Dinge auszuleben, die ihm in der Wirklichkeit verwehrt blieben. (Dass James Bond als Figur trotzdem funktioniert und viel Erfolg hat, liegt meiner Meinung nach zum einen daran, dass trotz allem viel Biografisches in der Figur liegt, was ihr Authentizität verleiht, und dass einfach viele die Wunschträume Flemings teilen und sich deswegen von diese Figur angesprochen fühlen.)

»Schreibe, was du kennst« vs. Die Alter-Ego-Falle

Einer der fatalsten Tipps aus diversen Büchern oder Seminaren zum kreativen und dramatischen Schreiben ist die Empfehlung, über Dinge zu schreiben, die du gut kennst.

Eigentlich ist der Tipp natürlich gut, wenn es um Authentizität geht. Warum solltest du einen Roman schreiben, der auf Hawaii spielt, wenn du dort noch nie warst und jeder Hawaiiurlauber ihn dir mit Fug und Recht um die Ohren schlagen wird?

»Schreibe, was du kennst« wird jedoch dann fatal, wenn du nur noch über dich schreibst. Und eben dazu verleitet der Tipp gerade Erstautorinnen. Wählst du für deinen Roman ein Thema und eine Hauptfigur, die zu nahe an deinem eigenen Leben sind, kann es dazu kommen, dass du nur noch über dich und nicht mehr für die Leserinnen schreibst.

So ganz kommst du nicht drum herum, in deinem Roman auch von dir zu schreiben. Dazu ist Schreiben einfach eine zu persönliche Sache. Legst du nicht eine gehörige Portion deiner Persönlichkeit hinein, besteht die Gefahr, dass alles, was du schreibst, oberflächlich und damit leidenschaftslos bleibt, was wiederum ebenfalls für Leserinnen uninteressant ist.

Ein schmaler Grat

Autorinnen tänzeln also beim Schreiben permanent um eine dünne, rote Linie herum, die  »Schreibe, was du kennst« und die Alter-Ego-Falle voneinander trennt. Wo genau die Grenze liegt und wann du sie zum Nachteil der Leserinnen überschreitest, können am Ende nur unabhängige Testleserinnen entscheiden.

Ein paar Techniken gibt es meiner Ansicht nach jedoch schon, mit denen du jedenfalls versuchen kannst, die Alter-Ego-Falle zu vermeiden:

  • Lass deine Heldin durch die Hölle gehen: Es ist ohnehin empfehlenswert, die Heldin deiner Geschichte leiden zu lassen. Denn dadurch erzeugst du Spannung. Außerdem kann es dann dazu kommen, dass du dich innerlich von der Hauptfigur distanzierst.
  • Schreibe nicht, was du kennst, sondern schreibe, was dich interessiert: Ein kleiner aber feiner Unterschied. Über etwas zu schreiben, was du bereits gut kennst, erspart dir zwar die Recherche und erhöht die Authentizität deines Romans, lässt dich aber unter Umständen auch zu leicht in die Alter-Ego-Falle tappen. Musst du erst für ein Thema oder Setting recherchieren, betrachtest du es von außen. Das verhindert, dass du dich zu sehr damit identifizierst. Trotzdem sollte der Gegenstand der Recherche etwas sein, das dich leidenschaftlich interessiert, sonst besteht die Gefahr, dass der Funke zur Leserin nicht überspringen kann.
  • Wechsle das Geschlecht: Als Frau eine männliche Hauptfigur zu wählen oder umgekehrt, kann schon genug Perspektivwechsel bedeuten, um der Alter-Ego-Falle zu entkommen. Andererseits ist es ganz schön schwierig, vom anderen Geschlecht zu schreiben. Hier lauern wiederum Klischee-Fallen. Unbedingt von entsprechenden Testleser(inne)n prüfen lassen!
  • Wähle eine fremde Leidenschaft: Verpasse deiner Hauptfigur eine Leidenschaft, die du nicht teilst. Bist du Hamburger-Liebhaber, mache sie zur Vegetarierin. Bist du Nichtraucherin, lasse deine Heldin quarzen wie ein Schlot. Entdecke das Eigene im Fremden und die Freude am Gegensatz. Wenn dir das gut gelingt, besteht die Chance, dass deine Leserinnen das ebenfalls in deiner Geschichte können.
  • Lies Biografien, am besten Autobiografien: Die Lektüre fremder Biografien, die nichts mit der eigenen Familie, am besten auch mit der eigenen Lebenswelt zu tun haben, kann beträchtlich den Horizont erweitern. Ein gutes Training für das Schreiben fiktiver Biografien von Romanfiguren.

Schreibgruppen oder Schreibcoaches sind für Autorinnen unentbehrlich (Sonntagsperlen 1)

Schreibgruppen oder Schreibcoaches sind für Autorinnen unentbehlich

Mit dem heutigen Artikel leite ich die Sonntagsperlen ein, die für die kommenden Wochen meinen Blog gestalten werden.

Zunächst einmal will ich damit den Erscheinungstermin für neue Artikel auf meinem Blog vom Samstag auf den Sonntag verschieben. Das hat für mich intern verschiedene Vorteile – und ich vermute, für Leserinnen meines Blogs macht das keinen großen Unterschied.

Hinzu kommt, dass ich in den Wochen bis Ende August hier ein paar ältere, aber komplett überarbeitete Artikel ins Licht der Öffentlichkeit zerren will, die in meine Augen ein wenig Aktualisierung und mehr Aufmerksamkeit verdient haben.

In diesem Sinne viel Vergnügen mit der ersten Sonntagsperle:

Kluge Autorinnen suchen sich eine Schreibgruppe oder einen Writing Buddy, also einen Schreibkumpel. Sozusagen eine Zweier-Schreibgruppe.

Die Vorteile liegen auf der Hand – (mindestens) vier Augen sehen stets mehr als zwei und zwei (oder mehr) Köpfe haben vielfältigere Ideen als einer. Dein eigenes Schreiben verbessert sich in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß und hinzu kommt das gute Gefühl, kein Einzelkämpfer, sondern eher Teil eines Teams zu sein.

Triffst du dich mit anderen Autorinnen, kommst du allerdings in die Verlegenheit, Feedback geben zu müssen. Klingt einfach, ist aber durchaus mit einigen Tücken verbunden.

Einerseits musst du Fehler benennen, andererseits willst du aber auch mit den Leuten im Anschluss noch gemütlich ein Glas Wein trinken – und nicht die Laptops gegenseitig wutschnaubend in den Rachen stopfen.

Folgende Strategien haben sich meiner Erfahrung nach beim Feedback bewährt:

1. Sei ein Perlentaucher!

Kein Text ist weder perfekt noch nur schlecht. In jedem Text, selbst in veröffentlichten Bestsellern oder anerkannten Klassikern, lassen sich noch Fehler, Ungereimtheiten oder wenigstens Dinge finden, die du ganz anders gemacht hättest.

Die Kunst besteht darin, das zu finden, was einen Text positiv auszeichnet.

Ist der Text vielleicht besonders authentisch? Oder sehr lustig? Traurig? Berührend? Trotz handwerklicher Fehler enthält jeder Text etwas, das ihn einzigartig macht. Das musst du finden und hervorheben.

Wer erst einmal ein positives Feedback bekommt, das aufrichtig und treffend Stärken benennt, hat auch ein offeneres Ohr für Schwächen.

2. Sei kein Erbsenzähler!

Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung … Alles wichtige Dinge, die sich aber auch später erledigen lassen. Erst, wenn alle anderen Aspekte eines Textes stimmen, stellt sich die Frage nach der korrekten Sprache.

Viel wichtiger sind Fragen nach der inneren Logik und der Wirkungsabsicht eines Textes. Stimmen zeitliche Abfolgen, psychologische Profile der Figuren, gibt es genug Konflikte, stimmt der Spannungsbogen, funktioniert der Plot etc.?

Es ist wenig förderlich, jeden kleinen Fehler in einem Text aufzuzählen. Das ist erst wichtig, wenn es darum geht, einen Text für die Veröffentlichung vorzubereiten. Diese Arbeit erledigt ein Lektor, keine Schreibgruppe oder der Writing Buddy.

Ein gutes Feedback macht keine Liste von Fehlern, sondern sucht den einen heraus, der alle anderen mehr oder weniger von selbst beseitigt.

3. Frage, bevor du urteilst!

Manche Autorinnen experimentieren gerne. Das ist nicht jedermanns Geschmack. Es bringt aber auch nichts, unbedingt Dinge zu kritisieren, die so gemeint sind.

Feedback ist nicht unbedingt (nur) ein Geschmacksurteil, sondern vor allem die Spiegelung der eigenen Wahrnehmung. Das ist ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied.

Du kannst z.B. einen Roman, der im Präsens geschrieben ist, ablehnen, weil du so was nicht magst. Du kannst aber erkennen, ob dieses Stilmittel in dem vorliegenden Text sinnvoll ist oder auch nicht. Erfüllt es eine Funktion, erhöht es die Spannung oder verleiht es der Perspektivfigur eine eigene Stimme? Ist das der Fall, dann ist dein Geschmacksurteil eigentlich sinnlos.

Im Zweifelsfall ist es deswegen besser, Feedback als Frage und nicht als Urteil zu formulieren. Mit einer Frage gibst du der Autorin die Chance, Dinge zu überdenken – oder halt eben auch nicht. Auf Urteile reagieren manche Menschen – nicht ganz zu unrecht – mit Ablehnung oder Rechtfertigung. Beides hilft aber niemandem weiter.

4. Lies den Text als das, was er ist!

Du bekommst einen Fantasyroman vorgelesen, liest aber selbst nur Science Ficiton? Krimis sind deine Leidenschaft, mit Liebesromanen kannst du nichts anfangen?

Es bringt nichts, in einem Fantasy-Text die fehlenden Raumschiffe zu benennen und nicht jedem Liebesroman tun Leichen gut.

Hier sind wir meiner Meinung nach bei der hohen Kunst des Feedbacks. Du darfst nicht den Fehler machen, Dinge in den Text hineinzulegen, die du gerne lesen würdest. Klingt logisch, ist in der Umsetzung aber häufig gar nicht so einfach.

5. Sei ein Coach!

Jeder Trainer, der was auf sich hält, benennt nicht nur Schwächen, an denen gearbeitet werden muss, sondern sorgt vor allem – und in erste Linie – für Motivation.

Das Wichtigste am Ende einer Feedbackrunde ist nicht die Information, was es denn alles für Schwierigkeiten in einem Text gibt.

Das Wichtigste ist die Motivation der Autorin, der kritisiert wurde.

Sie muss gleich nach dem Feedback das Gefühl haben, nicht anders zu können, als in die Tasten zu hauen, um die vielen tollen Gedanken, die ihr die Kritik verschafft hat, auch umzusetzen. Und sie muss die Feedbackrunde mit der Überzeugung verlassen, dass sie das Zeug dazu hat, Schwierigkeiten und Schwächen auch überwinden und sich verbessern zu können.

Das ist nicht nur netter, sondern auch einfach logisch. Ohne Motivation nutzt das ganze Feedback nichts. Es ist verschwendet, wenn die Autorin im Anschluss an die Kritikrunde die Tastatur an den Nagel hängt.

Wer noch Testleser, einen Writing Buddy oder eine Schreibgruppe sucht, findet diese vielleicht unter diesem Link bei den Die SchreibDilettanten.

Grundideen müssen einen emotionalen Eindruck bei dir hinterlassen, damit sie zu spannenden Romanen werden können

Grundideen müssen einen emotionalen Eindruck bei dir hinterlassen, damit sie zu spannenden Romanen werden könnenHäufig wird in Schreibratgebern der Tipp gegeben, über das zu schreiben, was du kennst. Oft ist es aber so, dass gerade die Dinge, die uns neugierig machen und die wir erforschen wollen, mit starken Emotionen verknüpft sind und weniger die Themen, die wir bereits gut kennen. Im Zweifelsfall ist es also besser, über etwas zu schreiben, womit du selbst starke Gefühle verbindest, als über etwas, das du kennst. Weiterlesen