Mein wichtigstes Buch: “Das Leben und das Schreiben”

Okay, ich gebe zu, der Titel ist gelogen. Ich könnte nie sagen, welches Buch für mich das wichtigste ist. Aber immer, wenn mich jemand fragt, welches Buch zum Schreiben lernen am besten geeignet ist, empfehle ich ohne zu zögern: Stephen KingsDas Leben und das Schreiben“.

Diese Antwort überraschte mich selbst, als ich sie das erste Mal ohne Nachdenken gab. Das Buch ist keineswegs das inhaltsvollste, übersichtlichste oder am besten geschriebene über das kreative und dramatische Schreiben, das ich bisher gelesen habe (Und ich habe viele gelesen. Sehr, sehr viele …). Da gibt es in allen Kategorien eigentlich bessere.

Trotzdem – wenn ich nur ein Buch über das Roman schreiben empfehlen muss, nenne ich immer King. Und dafür habe ich gute Gründe.

1. Nostalgie

Gut, ein vollkommen subjektiver Grund. Es war eines der ersten Bücher, das ich gelesen habe, als ich beschloss, ein Buch zu schreiben, was inzwischen mehr als zehn Jahre her ist. Bis heute begleitet es mich. Immer und immer wieder blättere ich darin. Inzwischen ist Mr. King auf diese Weise zu einer Art Schreibcoach für mich geworden, ein Partner, der mir über die Schulte guckt, der mir Motivation zum Schreiben verschafft und mit dem ich über alte Zeiten quatschen kann.

2. Glaubwürdigkeit

Als ich mir das Buch zulegte, war ich kein großer Stephen-King-Fan. Als Jugendlicher hatte ich mal “Friedhof der Kuscheltiere” gelesen (Pet Sematary im Original – gut, für den unpassenden deutschen Titel kann King nichts) und den Roman gelangweilt nach einem Drittel in den Papierkorb gepfeffert. “Der Talisman” habe ich damals immerhin zu Ende gelesen, aber auch dieser Roman hinterließ keinen bleibenden Eindruck bei mir.

Dazu muss man wissen, dass zu der Zeit, also so Mitte der Achtziger, kein Weg an Stephen King vorbei führte. Jeder las ihn. Wirklich jeder. Nur ich nicht. Er war der Harry Potter meiner Jugend. Schon allein das war für mich damals ein Grund, ihn nicht zu lesen. Man macht viele verrückte Dinge in der Pubertät.

Trotzdem habe ich mir “Das Leben und das Schreiben” als eines meiner ersten Bücher über das Schreiben lernen zugelegt. Ich dachte mir: „Okay, der Mann ist vielleicht kein toller Autor, aber er verkauft sich wie geschnitten Brot. Ich will wissen, warum.“ Natürlich gibt das Buch keinerlei Aufschluss darüber, wieso Stephen King so erfolgreich ist, schlichtweg, weil es keine geheime Erfolgsrezeptur gibt, wie er auch selbst betont.

Trotzdem dachte ich mir beim Kauf: „Wenn einer der meist gelesenen Menschen auf dieser Welt etwas über das Schreiben sagt, solltest du ihm lieber zuhören.“ Es ist schon etwas anderes, wenn jemand mit akademischem Hintergrund sich über Literaturtheorien äußert oder ein Creative-Writing-Lehrer handwerkliche Kniffe weitergibt, die aber außerhalb ihrer Nische niemand kennt, oder ein Mega-Bestseller-Autor erklärt, wie man gute Thriller schreiben kann.

3. Handwerk

King verrät Einiges über die handwerklichen Aspekte des kreativen und dramatischen Schreibens. (Er sagt auch Vieles über die eher, hm, esoterischen Dinge, über Sinn und Bedeutung, psychologische Zusammenhänge, was man spirituell tun muss, um ein Autor zu werden usw. Aber diese Teile des Buches machen es für mich nicht herausragend.)

Obwohl Stephen King Schreibseminaren und Schreibratgebern nach eigener Aussage eher skeptisch gegenüber steht, kann er nicht verbergen, dass er selbst mal Lehrer war und gerne sein Wissen und seine Erfahrungen didaktisch geschickt aufbereitet weitergibt.

Was mir daran besonders gefällt: King äußert sich zu Themen, die in vielen anderen Büchern oder auch Seminaren nicht behandelt werden. Man merkt, dass King Fragen abarbeitet, die er wahrscheinlich häufig von Lesern oder von Nachwuchsautoren gestellt bekommt.

Statt sich mit dem Erschaffen sympathischer Figuren, dem Plotten, Erzählstrukturen usw. ausführlich zu befassen, wird er an vielen Stellen erfrischend kleinteilig: Woher weiß ich, wann ein neuer Absatz beginnt? Wie beschreibe ich gut? Warum sollte ich als Autor etwas über Grammatik wissen? Und was muss ich über Grammatik wirklich wissen, um ein Buch schreiben zu können?

Dabei hat mich vor allem beeindruckt, dass ein Mann wie Stephen King keine Erfolgsformeln predigt, sondern seine Tipps in zwei Kategorien einteilt: A – So gehe ich daran, einen Roman zu schreiben, keine Ahnung, ob das für dich gut ist. B – Daran führt kein Weg vorbei, wenn du ein Buch schreiben willst, glaub es oder glaub es nicht.

Was mich erst mit der Zeit für “Das Leben und das Schreiben” eingenommen hat, ist die schleichend einsetzende Erkenntnis, dass beide Kategorien von ihm meiner wachsenden Erfahrung nach stets vollkommen zutreffend gewählt sind. Es gibt viele Dinge, mit denen ich überhaupt nicht zurecht komme, wie zum Beispiel Kings Technik Figuren und Plots zu entwickeln, die er aber auch implizit der Kategorie A zuordnet. Andere Empfehlungen, wie zum Beispiels das Meiden von Adverbien (Kategorie B), haben sich für mich bewahrheitet.

4. Sympathie

“Das Leben und das Schreiben” war das erste Werk von Stephen King, das ich wirklich aufmerksam las. Und was mich dabei von der ersten Seite an überraschte, war, dass mir der Mensch hinter dem Buch beinahe gegen meinen Willen sympathisch wurde.

Erst hielt ich es für eine seltsame Idee, ein Buch über das Schreiben mit einer Autobiografie zu verknüpfen und dann auch noch mit dem biografischen Teil zu beginnen. Aber hier zeigt sich, dass Stephen King ein hervorragender Erzähler und Didaktiker ist, der ein sehr gutes Gespür dafür hat, wie er sich bei mir als Leser einschmeicheln kann.

Seine Biografie ist so eng mit dem Roman schreiben verbunden, dass beide Teile des Buches nicht voneinander zu trennen sind. Gerade das zeichnet für mich “Das Leben und das Schreiben” aus: Von King werden mir keine angeblich universellen Rezepte, wie man Thriller schreiben muss, aufgetischt. Von seinen Erfahrungen und auch von seiner Autorität kann ich mich inspirieren lassen und mir herauspicken, was auch auf mich zutrifft. Das ist genau das, was ich von einem guten Lehrer erwarte.

Vor allem aber war es für mich unglaublich spannend herauszufinden, wie Leben und Schreiben bei King zusammenhängen. Und das ist die wichtigste Aussage, die mich an diesem Buch immer wieder so sehr beeindruckt: Schreiben ist Leben, wenn man Autor werden will.

Dies regte mich dazu an, über mein eigenes Leben nach zu denken, mich nicht von den Empfehlungen Kings abhängig zu machen und sie als den einzigen Weg zu begreifen, sondern aus der eigenen Biografie heraus meinen eigenen Weg zu finden (auf dem ich mich natürlich nicht guten Ratschlägen von erfahrenen Autoren verweigern sollte. Ja, es ist kompliziert …).

Unmissverständlich aber ohne zum Oberlehrer zu werden, macht King mit seiner Biografie klar, dass die wichtigste Grundregel lautet: Kreatives und dramatisches Schreiben ist kein Hobby, nichts, was ich tue, um mir die Zeit zu vertreiben, weil ich sonst nichts Besseres zu tun habe. Schreiben kann auch weh tun, vereinnahmen, zum Außenseiter machen, Konflikte bewirken– und gleichzeitig Erfüllung und sogar (wie in Kings Fall) ein Lebensretter sein.

Welches ist dein Lieblings(schreib)buch? Hast du “Das Leben und das Schreiben” auch gelesen (und wenn nein, verflixt noch mal, wieso nicht)? Was hast du daraus mitgenommen?

Diese Artikel könnten dich auch interessieren:

STEPHEN KING

Das Leben und das Schreiben

Memoiren

Originaltitel: On Writing
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer

Taschenbuch, Broschur, 384 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-43574-2
€ 10,99 [D] | € 11,30 [A] | CHF 16,50* (* empf. VK-Preis)

eBook
ISBN: 978-3-641-05400-7
€ 9,49 [D] | CHF 13,00* (* empf. VK-Preis)

Format: epub

Verlag: Heyne

Mehr über das Buch auf der Verlagsseite:

http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Das-Leben-und-das-Schreiben-Memoiren/Stephen-King/e366281.rhd

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31 Gedanken zu “Mein wichtigstes Buch: “Das Leben und das Schreiben”

    1. Ja, Ludwig Reiners “Stilfibel” finde ich auch sehr, sehr wichtig. Danke, dass du mich an die noch einmal erinnert hast, manche Bücher geraten ja im Bewusstsein mit der Zeit ein wenig in den Hintergrund. Ich werde das Buch bestimmt demnächst noch einmal zur Hand nehmen, um seinen Inhalt aufzufrischen. Dann droht die nächste Rezension …

  1. Ah, da ist er ja… :-)

    Interessant, wieder sehe ich so einige Parallelen.
    Ich war genau wie du ein King-Verweigerer (ebenso, wie ich immer noch ein Harry-Potter-Verweigerer bin), bis ich bei einem verregneten Urlaub nichts mehr fand, als “Es” und fast unter Protest zu lesen begonnen habe. Um es kurz zu machen, ich hatte es in 4 Tagen durch und seitdem bin ich ein Fan.
    “Das Leben und das Schreiben” ist, um es überspitzt zu sagen, meine Bibel der Schreibbücher. Amüsant finde ich, dass Mr. King sich selbst nicht immer an seine Regeln hält, aber gerade das bringt mir ihn und das Buch noch näher. Denn es zeigt: Nobody’s perfect. Zum Glück!

    Danke für diesen klasse Artikel!
    LG
    Anna

    1. Vielen Dank für das Lob. Es war mir eine Herzensangelegenheit, diese Rezension loszuwerden. Und es freut mich sehr, wenn sie positiv aufgenommen wird.

      “Es” habe ich noch nicht gelesen. Muss ich mal nachholen.

  2. Ich kann mich nicht mehr so an die Schreibtipps erinnern, umsomehr daran, dass mir Stephen King während des Lesens “anders” vorkam als ich ihn mir vorgestellt hatte.

    Da ich überhaupt kein Horrorfan bin war ich natürlich King gegenüber immer sehr … zurückhaltend. Aber „Das Leben und das Schreiben“ hat auch mich beeindruckt. Und mir den Menschen King etwas näher gebracht.

    1. Ja, auch mir ist er erst nach “Das Leben und das Schreiben” King erst als Autor sympathisch geworden. Wobei bei ihm zu beachten ist, dass er sehr viel und auch sehr unterschiedliche Dinge geschrieben hat. Vor allem die bekannteren Werke gefallen mir eher weniger, aber “The Shining” und vor allem “Das Mädchen” habe ich gerne gelesen.

      1. Ich habe “The Shawshank Redemption” (Die Verurteilten) als Film gesehen und war begeistert. OHNE zu wissen, von wem die Buchvorlage stammt. ;) Sonst kann ich mit King als Autor wie gesagt nicht viel anfangen. Irgendwann wage ich mich an “Der Dunkle Turm”. Als Hörbuch. Mal schauen …

  3. “Die Verurteilen” ist wirklich ein hervorragender Film. Hier habe ich aber die Vorlage nie gelesen. Dabei fällt mir ein: “Zimmer 1408″ und “Das geheime Fenster” haben mir auch noch ziemlich gut gefallen.

  4. Was hat das Buch bewirkt? Bei mir hat es einige Dinge wieder an ihren richtigen Platz gerückt. Ja, so wie der Herr King möchte ich auch schreiben können, aber nein, den Preis, den er dafür bezahlt hat, möchte ich nicht dafür bezahlen!
    Ausser den technischen Aspekten haben mir deshalb die biografischen Teile geholfen mir wieder mal klar zu machen, was ich selber will und was nicht.

    1. Was meinst du genau damit? Drogenkonsum? Seinen Unfall? Ich glaube nicht, dass die Schreibfähigkeit und der Drogenkonsum oder gar der Unfall miteinander zusammenhängen. Es gibt immerhin noch wesentlich erfolgreichere Autoren als King (Rowling, Patterson), die all das nicht durchmachen. Ich vermute, das ist eher eine Typfrage.

      1. Nein, ich meinte nicht die Drogen und das Zeugs. Ich bezog mich da eher auf das “behütete Einsiedlerdasein”, das er führt. Ich hätte Hemmungen mir das Schreiben von meinem Partner nicht nur sponsern zu lassen sondern mich von ihm auch noch bedienen zu lassen und ihm die Kinderbetreuung auch noch anzuhängen. Ich möchte Zeit mit meinem Kind verbringen, es aufwachsen sehen. Und finanziere mich auch selber. Natürlich komme ich dadurch beim Schreiben langsamer vorwärts – genau das meinte ich damit. Schreiben ist mir wichtig, aber andere Dinge sind mir AUCH wichtig. Also komme ich ein paar Jahre lang etwas langsamer vorwärts mit den Schreibprojekten. Man kann das Brötchen und den Fünfer haben, aber es geht länger…
        Ich dachte immer, ich würde auch so schreiben wollen, wie King. Aber nach der Lektüre dieses Buches wurde mir klar, dass ich nicht so leben möchte wie er!
        Der Preis ist halt eine geringere Produktivität. Sei’s drum. Dafür habe ich mich mit meinem Sohn über jede Schnecke gefreut, die er anschleppt :-)

  5. Hallo,
    meinen ersten Kommentar auf deiner Seite zu einem etwas älteren Eintrag, da ich das Buch von Stephen King vor ein paar Tagen selber gelesen und rezensiert habe (siehe meine Seite wenn Interesse besteht). Du sprichst mir mit dem Gesagten aus der Seele und finde den Beitrag sehr passend (aus Schriftstellersicht) geschrieben. Gerade der Punkt des onkelhaftem, was den Tipps von King in diesem Buch anhaftet, ist mir auch aufgefallen und hebt sich wohltuend von einem normalen Ratgeber (allgemein gesehen, speziell auf das Schreiben bezogen habe ich noch nichts in der Richtung gelesen).

    Gruß
    macg

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