Die Grundlage des Pageturners: Sinnlich schreiben

Meine Lieblingslektüre sind Pageturner, Texte, die eine so große Sogwirkung erzeugen, dass meine Augen über die Zeilen nur so fliegen, während in meinem Kopf ein Film abläuft, der mitreißender ist als der packendste Thriller im Kino. Den Leser so zu packen, ist nicht leicht, denn dazu muss ein Text sinnlich geschrieben sein, wozu man als Autor auf viele Details achten muss.

Das Kino im Kopf des Lesers

Mit sinnlichem Schreiben ist gemeint, dass der Leser das Geschehen des Romans mit allen Sinnen wahrnehmen kann, obwohl sein Blick ja eigentlich nur über ein paar Buchstaben wandert. Es wird ihm das Gefühl vermittelt, in eine fiktive Welt hineingesogen zu werden, sie zu sehen, zu ertasten, zu riechen und zu schmecken – und natürlich zu hören, ganz so, wie es ein guter Kinofilm oder eine gute Fernsehserie vermag, nur besser.

Das bedeutet nicht nur, dass alle Sinne des Lesers richtig angesprochen werden müssen, sondern auch, dass der Text dem Leser ermöglicht, in einen Flow zu geraten, also in einen Lesefluss, der es ihm ermöglicht, leicht über die Seiten zu gleiten, ohne dass der Text ihm Widerstände entgegensetzt.

Schön und gut, aber wie erreiche ich das?

Jetzt kommen wir zu den fummeligen Details. Ein sinnlicher Text funktioniert für mich auf mehreren Ebenen:

1. Kapitel und Szenen

Lange Kapitel, die keine Szenenstruktur besitzen, sondern erzählen, verhindern für mich einen Lesefluss.

Szenen sind kleine erzählerische Einheiten, die sich am filmischen und dramatischen Storytelling orientierten. Eine Szene beinhaltet die Motivation einer Figur, etwas zu erreichen und den Konflikt, der dadurch entsteht, dass ihr etwas dabei im Weg steht. Die Szene weist ein hohes Maß an Einheitlichkeit auf. Das bedeutet, dass eine Szene an einem Ort und in einem überschaubaren Zeitrahmen spielt und eine feste Anzahl von Figuren hat, die sich nicht großartig verändert.

Ein Kapitel kann aus mehreren Szenen bestehen, die einen größeren Zusammenhang haben.

Beides, Szenen und Kapitel, sollten meiner Ansicht nach nicht besonders lang sein. Um ganz ehrlich zu sein, verstehe ich die Notwendigkeit von Kapiteln nicht so ganz. Für Autoren mag sie eine Rolle spielen, um den Text zu strukturieren, als Leser geben sie mir nichts. Ich überlese Kapitelnummerierungen, auch Überschriften, Titel usw. Autoren, die sich mit solchen Dingen Mühe geben, werfen damit bei mir als Leser Perlen vor die Säue.

2. Dialoge, Erzählungen und Beschreibungen

Grob gesagt bestehen Romane in der Regel aus diesen drei unterschiedlichen Textformen.

In Beschreibungen und Erzählungen erfahre ich als Leser, wie die Welt aussieht und welche Handlungen die Figuren in ihr vollführen, was in der Vergangenheit Wichtiges geschehen ist usw.

In Dialogen bekomme ich mit, worüber sich die Figuren austauschen, erfahre auf sinnliche Weise, wie sie sich fühlen, was sie motiviert und welche Konflikte sie miteinander austragen usw.

Schon durch diese kurze Definition wird klar, dass Dialoge die gleichen Aufgaben erfüllen können wie Beschreibungen und Erzählungen und umgekehrt. Wann packe ich also als Autor eine Information in einen Dialog, wann in eine Beschreibung oder Erzählung?

Auch hierauf gibt es eigentlich keine verbindliche Antwort und ich kann wieder nur von mir reden: Im Zweifelsfall mag ich lieber Dialoge. Für mich machen Dialoge Texte lebendig, verleihen ihnen viel Abwechslung und ein hohes Maß an Sinnlichkeit, denn ich erfahre sozusagen aus erster Hand, wie sich Figuren fühlen, was sie denken und wer sie sind.

3. Absätze und Sätze

Zum sinnlichen Schreiben gehört für mich die Grobstruktur eines Textes, also ob und wie er in Absätze gegliedert ist. Viele kurze Absätze erhöhen das Lesetempo. Sehe ich in einem Buch Seiten ohne Absätze, lege ich es meistens schon aus der Hand, bevor ich ein Wort gelesen habe.

Absätze, die aus einem Satz oder sogar nur aus einem Wort bestehen, können jedoch genauso anstrengend auf den Leser wirken. Hier gilt es ein vernünftiges Mittelmaß zu finden, einen Rhythmus.

Für Sätze gilt das gleiche. Viele lange Sätze und komplexe Satzgefüge ermüden, denn sie verlangen vom Leser viel Abstraktionsvermögen. Zu viele kurze Sätze oder gar Ein-Wort-Sätze wirken auf Dauer gekünstelt und verhindern den Lesefluss.

4. Die richtigen Wörter zur richtigen Zeit

Ganz entscheidend für eine sinnliche Erfahrung beim Lesen ist das Verwenden von ausdrucksstarken Verben, die Aktionen signalisieren: springen, fliehen, hechten usw. sind Verben, die nicht nur eine Handlung abbilden, sie beinhalten auch eine Wertung, lassen ein Bild vor den Augen des Lesers entstehen, anders, als wenn ich nur “gehen” oder “bewegen” schreiben würde.

Der zweite Wortbaustein zum sinnlichen Schreiben sind bildhafte Nomen. Je spezifischer ein Hauptwort ist, desto besser. In diesem Sinne ist Teenager besser als Junge, Vamp besser als Frau, Wolkenratzer besser als Haus und Bruchbude besser als Hütte.

Darüber hinaus gilt es mit den richtigen Wörtern die richtigen Sinneseindrücke im richtigen Moment zu vermitteln.

Einerseits muss ich dem Leser sehen, tasten, hören, riechen und schmecken lassen, was in einer Szene geschieht. Die Perspektivfigur muss zum Avatar des Lesers werden, so dass der Leser durch seine Wahrnehmungen das Geschehen erlebt.

Andererseits wäre es übertrieben, alle Sinneseindrücke in jedem Moment dem Leser zu ermöglichen. Hier gilt es, sich auf ein oder zwei zu beschränken. Faustregel: den stärksten Sinneseindruck, der am spezifischsten ist, wählen. Steht eine Figur im Schneegestöber, wird sie wahrscheinlich weniger riechen, hören und schmecken, aber den Schnee und die Kälte spüren.

5. Erzählte Zeit und Erzählzeit bewusst nutzen

Die Erzählzeit ist die Zeit, die ein Leser benötigt, um einen Textabschnitt zu lesen. Also beispielsweise deißig Sekunden für eine Buchseite. Die erzählte Zeit ist jene, die eine Figur in einem Roman benötigt, um etwas zu erleben oder die Dauer einer Erzählung. Je mehr Details ich in einer Szene beschreibe oder erzähle, desto größer wird die Kluft aus Erzählzeit und erzählter Zeit. Das Geschehen findet sozusagen in Zeitlupe statt.

Umgekehrt kann ich die Zeit raffen: “Nach einer Woche hatten sie das Ziel ihrer Reise erreicht.” Hiermit habe ich eine Woche erzählt, der Leser hat jedoch nur eine Sekunde gebraucht, um das Geschehen zu erfassen.

Je häufiger ich erzählte Zeit und Erzählzeit in Einklang bringe, desto sinnlicher wird der Text, denn das Geschehen ereignet sich dann für den Leser in Echtzeit, er ist direkt dabei und hat die Chance, sich als Teilnehmer einer Szene zu empfinden, anstatt sie nur von außen zu betrachten.

Was bedeutet für dich sinnliches Schreiben?

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Lohnen sich Kurzgeschichten für Romanautoren?

Eigentlich bin ich ja ein Kurzgeschichtenskeptiker. Prinzipiell habe ich nichts gegen sie. Im Gegenteil. Ich lese sie recht gerne und auch welche zu schreiben, macht mir Spaß. Trotzdem habe ich bisher eher weniger Short Storys geschrieben, um vor allem keine Zeit für das Schreiben an meinen Romanprojekten zu verlieren.

Immer wieder las ich hier und da, dass erfahrene und erfolgreiche Autoren es jedoch für sehr wichtig halten, auch als Romanautor Kurzgeschichten zu schreiben. Stephen King gibt diesen Tipp mehrfach in Das Leben und das Schreiben, aber auch zum Beispiel der etwas weniger bekannte, aber von mir sehr geschätzte, Michael Marshall Smith, haben häufiger den Tipp geäußert, lieber mit einem 2000- bis 3000-Wörter-Werk zu beginnen, als sich sofort an die 60000-Wörter-und-mehr-Monster heranzuwagen.

Eben hier bin ich skeptisch. Romane sind Romane und Kurzgeschichten sind Kurzgeschichten. Nur weil beide erzählende Texte sind, heißt das noch lange nicht, dass sie aus der Autorenperspektive vergleichbar sein müssen. Meiner Meinung nach haben Short Storys eher etwas mit Lyrik gemeinsam als mit Romanen. Sowohl im Gedicht wie auch in der Short Story kommt es darauf an, jedem Satz, jedem Wort Bedeutung zu verleihen, auf engstem Raum Kunst zu schaffen.

Der Roman ist eher das Gegenteil. Hier habe ich viel Platz, um mich auszutoben. Eine gewisse Langatmigkeit wird vom Leser sogar erwartet. Der Romanleser will sich in Figuren und Setting verlieren, in den Plot und die Welt des Romans eintauchen, um andere Menschen zu erleben, exotische Welten oder Milieus zu erfahren und von überraschenden Wendungen unterhalten zu werden.

Der Leser einer Short Story will meiner Meinung nach schnell auf den Punkt kommen. Eine gute Kurzgeschichte ist wie ein guter Witz. Es gibt eine Exposition, die außergewöhnlich ist, und mindestens eine überraschende Wendung, eine Pointe, die verblüfft. Figuren, Perspektive, Setting … Alles, was die Stärken des Romans ausmacht, spielt bei einer Kurzgeschichte nur am Rande eine Rolle und muss mit wenigen Sätzen oder sogar Worten erledigt werden.

Namhafte Romanautoren sind bekennende Kurzgeschichtenmuffel. Brandon Sanderson bekennt sich öffentlich dazu, keine Texte unter 30000 Wörtern schreiben zu können (oder zu wollen). Wozu auch? Er ist mit 300000-Wörter-Werken erfolgreich. Ein hervorragender Autor mit epischer Fantasy. So ziemlich dem Gegenteil einer Kurzgeschichte.

Writing-Excuses-Kollege Dan Wells, bekannt vor allem durch seine John-Cleaver-Romane, schreibt zwar nicht unbedingt dicke Wälzer, ist aber ebenfalls mit Romanen sehr erfolgreich, gibt aber ebenfalls zu, mit Kurzgeschichten auf dem Kriegsfuß zu stehen.

Seit längerem schwelt aber schon der Gedanke in mir, dass es mit dieser Kurzgeschichtensache schon was auf sich haben muss, wenn alle davon reden. Richard Norden hat mit seinem Gastartikel auf meinem Blog über Kurzgeschichten als Marketingtools für Selfpublisher in mir einen ersten Denkprozess ausgelöst. Was er dort schreibt, erscheint mir vollkommen plausibel. Nur fühlte ich mich bisher davon nicht angesprochen, da ich ja (zumindest noch) kein Selfpublisher bin.

Auch J.A. Konrath, ebenfalls Selfpublisher, gab in dem empfehlenswerten (und kostenlosen) Schreibratgeber Write Good Or Die den Tipp, auch als Romanautor viele Kurzgeschichten zu schreiben, um im Fluss zu bleiben, aber auch, um seinen Namen in die Welt zu tragen. Schön und gut, dachte ich mir, klingt für Selfpublisher irgendwie logisch. Betrifft mich aber nicht.

Nun las ich aber vor nicht allzu langer Zeit in einem Artikel auf dem Blog des Literaturcafés, dass Wettbewerbe eine tolle Möglichkeit seien, um auch Agenten und Verlage auf sich aufmerksam zu machen. Denn lieber noch als unverlangt eingesandte Manuskripte, schauen diese lieber auf Literaturwettbewerbe um zu sehen, ob dort ein Autor in diesem Umfeld bestehen kann.

Der Gedanke war für mich der entscheidende Anstoß, mich doch dem Schreiben von Kurzgeschichten zu widmen. Na klar, in einem Wettbewerb geht nicht allein darum, besser zu schreiben als die Konkurrenz. Hier kann man als Autor Tugenden zeigen, die auch in der Verlagswelt eine Rolle spielen: sich der Kritik von außen stellen, eine Deadline einhalten, Qualität abliefern usw.

Ob an dieser ganzen Kurzgeschichtensache nun etwas dran ist, oder nicht, kann ich natürlich nicht endgültig beurteilen. Trotzdem hatte ich mir vor einiger Zeit fest vorgenommen, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit an einem Wettbewerb teilzunehmen.

Dabei ist mir vor kurzem der Thriller-Kurzgeschichtenwettbewerb von Neobooks aufgefallen. Für mich bisher der passendste Wettbewerb, der mir bekannt ist, denn es geht um Thriller-Kurzgeschichten. So häufig gibt es erstaunlicher Weise keine Wettbewerbe für das Genre.

Der Test

Positiver Nebeneffekt für mich: Ich kann bei dieser Gelegenheit auch einmal ausprobieren, wie

Selfpublishing so funktioniert und was dabei tatsächlich am Ende rumkommt. Spaß macht die Sache bislang auf jeden Fall. Ich habe mal wieder feststellen können, dass ich Kurzgeschichten wirklich gerne schreibe. Und dass ich diesmal meine Kurzgeschichte Der Test nicht für die Schublade verfasst habe, ist für mich das I-Tüpfelchen.

Wer Interesse am Wettbwerb (oder an meiner Kurzgeschichte) hat, kann sich hier einmal umsehen. Die Veranstaltung geht noch bis zum 28.6.2013. Wer also Lust hat, sich an ihr zu beteiligen, kann dies noch tun. Ich würde mich freuen, von Lesern meines Blogs oder NaNoWriMo-Buddies zu erfahren, die ebenfalls mitmachen. Gebt mir in den Kommentaren Bescheid, kontaktiert mich auf Facebook oder Twitter, ob ihr am Wettbewerb teilnehmt und falls ja, wo ich eure Storys finden kann.

Falls ihr euch dazu entscheidet, nicht am Wettbewerb teilzunehmen, finde ich es ebenfalls interessant, die Gründe dafür zu erfahren.

P.S.: Falls noch mehr über den Neobooks-Wettbewerb und meine Beweggründe, an ihm teilzunehmen, erfahren möchtest, empfehle ich dir die Sonderausgabe der Die SchreibDilettanten: Neobooks Krimi-Kurzgeschichten-Schreibwettbewerb.

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